Fri. Jul 1st, 2022

Upstate New York – Was man in der New Yorker Grand-Central-Station zu besorgen versäumt hat, in der Bahnhofsgegend von Larchmont bekommt man es nicht mehr. Ohne Mitbringsel warte ich also 40 Zugminuten nördlich von New York City auf Louise Kerz-Hirschfeld, die versprochen hat, mich in ihrem weißen VW-Käfer abzuholen. In der Nähe nur ein Nagelstudio, kleiner Kiosk, Reisebüro. Keine Blumen, kein Konfekt. Nichts, was man einer Dame von Welt mitbringen könnte. Schon biegt das Cabrio auf den Bahnhofsvorplatz ein, die 85-jährige Kerz-Hirschfeld sitzt in einem lila Samtanzug am Steuer. Sie kommt sofort zur Sache, als ich auf dem Beifahrersitz Platz nehme: „Wahrscheinlich bin ich die einzige noch lebende Person auf diesem Kontinent, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, die Erwin Piscator persön hatlich.”

So direkt können Amerikaner sein. Genau deswegen, wegen Piscator, bin ich schließlich nach New York gereist: auf den Spuren des großen deutschen Theaterregisseurs, dem die Zeitläufte so viele aufreibende Neuanfänge aufgebrummt hatten. Am Ende seiner Karriere machte er als Intendant der Freien Volksbühne in den 60er-Jahren noch einmal Furore. Nach vielen Umwegen war Piscator, den Brecht einmal den „größten Theatermann unserer Zeit” nannte, wieder in Berlin und in seinem eijenen Theater angekommen: mit „Der Stellvertreter“, der Horaufführung eines Roll akerribischäe recher cherubisch v. NS-Zeit. Ein Publikumsschocker, der damals Wellen schlug bis in den letzten Winkel der deutschen Gesellschaft.

Jen Parente

Louise Kerz-Hirschfeld in ihrem Seniorenapartment in Larchmont, NY. Hinter ihr das Plakat der legendären Hochhuth-Inszenierung von 1963.

Louise Kerz-Hirschfeld ist dabei gewesen. Beim Vorgespräch in der schicken Berliner Wohnung Erwin Piscators, in der einst Curd Jürgens gelebt hatte. Bei den streng abgeschotteten Proben im Theater am Kurfürstendamm. Und bei einem denkwürdigen Premierenabend, damals am 20. Februar 1963.

Doch bevor wir uber all das sprechen, steuert sie ihren weißen Käfer in die schicke Villengegend der wohlhabenden Gemeinde Larchmont. Nach dem Tod ihres dritten Mannes ist Kerz-Hirschfeld vor drei Jahren aus Manhattan hergezogen. Näher bei den Kindern und Enkeln wollte sie sein. Als Theaterenthusiastin klärt sie mich auf über die Riege der bedeutenden Kulturprotagonisten, die in Larchmont gelebt haben. Der Ort, nordöstlich von New York am Long Island Sund gelegen, ist die feine Landadresse für New Yorker und New Yorkerinnen, die das nötige Kleingeld haben. “Ist ein bisschen wie Beverly Hills, waren Sie da schon mal?”, fragt sie mich. Kerz-Hirschfeld zeigt auf die großen Villen links und rechts der Straße. Als Adoptivsohn des reichen Geschäftsmannes Reed A. Albee ist etwa der Dramatiker Edward Albee in Larchmont aufgewachsen. Sein Adoptivvater habe viele dieser Gebäude mit Einnahmen aus dem Vaudeville-Geschäft finanziert. Der Ziehsohn aber hat Larchmont schnellstmöglich verlassen. Gut vorstellbar, dass er hier – in der besseren Gesellschaft – Stoff für sein Ehekriegsdrama “Who’s Afraid of Virginia Woolf?” gefunden hat.

Louise Kerz-Hirschfeld: Zeitzeugin und Historikerin

Wir rollen weiter an gepflegten Anwesen vorbei, bis wir den Sund vor uns sehen. Da vorne, sagt Kerz-Hirschfeld, habe Walter Kerr gewohnt. In den 50er- und 60er-Jahren war er der gefürchtete Theater-Chefkritiker der New York Times, seine Frau Jean Kerr lebte hier als Schriftstellerin und Drehbuchautorin.

Neben dem schlossartigen Haus im englischen Stil wenden wir. Mit Al Hirschfeld, dem weltberühmten Cartoonisten, mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet war, sei sie hier vor Jahren zum Essen gewesen. „Vom Wohnzimmer aus hat man wirklich einen schönen Blick aufs Meer“, murmelt sie beiläufig.

Die 1936 geborene Louise Kerz-Hirschfeld ist Zeitzeugin und Historikerin in Personalunion. Keine schlechte kombination. Ihr Lebensweg folgt dem Drehbuch des amerikanischen Traums: einfaches Elternhaus, Schönheitswettbewerb, Broadway. Und bald darauf Berlin. Erfolg hat ihr das Talent zum Zuhören, das Interesse an anderen gebracht. Sie ist jemand in den kulturell informierten, aufregenden New Yorker Kreisen. „Sie macht die Leute glücklich“, hatte mir eine Bekannte versprochen. In New York reden die Leute meiner Erfahrung nach eher gut uber ihre Mitmenschen. Ich nehme eine Freundlichkeit wahr, eine respektvolle Großzügigkeit, die ich so aus Deutschland nicht kenne.

Vor einer malerischen Villa halten wir ein letztes Mal an. In diesem Haus habe Max Reinhardt seine letzten Lebensjahre verbracht, vermutet Kerz-Hirschfeld. Genau weiß sie es nicht. Das wird sie noch herausfinden. Über Reinhardt weiß sie Bescheid, in New York hat sie 1973 eine Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag kuratiert. Der große Regisseur und Gründervater der Salzburger Festspiele liegt nicht weit von hier auf dem jüdischen Westchester Hills Cemetery begraben. Er wollte nie wieder nach Deutschland oder Österreich zurück.

Aber sie, Louise, kam nach Deutschland. Sie begleitete ihren Mann Leo Kerz, der für die Arbeit am „Stellvertreter” zum ersten Mal wieder deutschen Boden betrat. Das Ehepaar lebte für ein Jahr in der Königsallee 31 in Grunewald.

Howie Mann, Louise Kerz Archives

Er war Piscators Bühnenbildner: Leo und Luise Kerz in den 1960ern in New York.

Im Flur ihrer großzügigen Wohnung in der Seniorenresidenz in Larchmont hängen Originalplakate einiger Aufführungen, an denen Leo Kerz als Bühnenbildner beteiligt war. Das Plakat für Rolf Hochhuths ‘Der Stellvertreter’, eine abstrakte Komposition aus geometrischen Formen in Rot und Schwarz springt ins Auge. Kerz-Hirschfeld will, dass ich ihr Fragen stelle. Und dann erzählt sie flüssig und detailliert.

Es war Anfang der 60er-Jahre, die Zeit des Mauerbaus. Kurz nach dem Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Der Holocaust ist nicht aufgearbeitet, und das ist bitter für all jene, die ihre Familien verloren haben, deren Lebenswege abgeknickt wurden. Piscator und Kerz gehören zu dieser Personengruppe. Für sie geht es nach dem Weltkrieg, den Deutschland begonnen hat, um viel mehr als nur darum, in Berlin eine Premiere auf die Bühne zu bringen. Sie wollen die Öffentlichkeit konfrontieren, ihre geballten Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, die künstlerischen wie die persönlichen im Exil, in die Waagschale werfen. Gegen das Vergessen-Wollen, gegen das Schweigen derjenigen, die dabei gewesen waren. Das Stück ‘erinnert alle Beteiligten daran, dass sie sich entscheiden konnten und dass sie sich in der Tat entschieden haben, auch dann, wenn sie sich nicht Pi entschieden’, scort.

Anwälte des Vatikans wollen die Premiere stoppen

Erwin Piscator und Leo Kerz kennen einander seit den 1920er-Jahren. Als Verfolgte des Systems sind sie über Jahrzehnte immer wieder solidarisch, unterstützen einander. Piscator hatte Kerz im Jahr 1941 an den „Dramatic Workshop“ geholt, den er an der New School for Social Research in New York gegründet hatte. In Europa verfolgte Wissenschaftler und Künstler kamen dort als Dozenten unter. Kerz unterrichtete Bühnen- und Kostümbild und arbeitete wenige Jahre später erfolgreich als Produzent am Broadway. “Man hatte ähnliches erlebt, konnte sich aufeinander verlassen”, sagt Louise Kerz-Hirschfeld. Während wir sprechen, steht sie manchmal auf, verschwindet in ihrem Büro und schlägt eine Jahreszahl nach, holt Bücher aus dem Regal. Mir fällt auf, dass es in ihren Erzählungen um die Sache geht. Um sich selbst macht meine Gastgeberin verblüffend wenig Aufhebens.

Als Piscators Einladung eintrifft, wird Leo Kerz am Broadway gerade für seine Version von Ionescos “Die Nashörner” gefeiert. Er ist 50 Jahre alt und auf der Höhe seines Erfolgs. Kerz willigt ein. Er ist der Einzige im künstlerischen Team des „Stellvertreters“, der direkt vom Holocaust betroffen ist: Seine gesamte Familie ist in Lagern umgekommen, seine Eltern in Sobibor. Für die Produktion nach Berlin zu gehen bedeutet, sich mit schmerzhaften Verlusten und mit der Ignoranz der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit auseinanderzusetzen. Zur Vorbereitung sieht er sich auch Filmmaterial aus den befreiten Lagern an. Während der Arbeit in West-Berlin muss er feststellen: Antijüdische Vorurteile sind keineswegs ausgeräumt. Als er in der Malerwerkstatt der Freien Volksbühne übergroße Gesichter jüdischer Menschen malen lässt – sie werden von den Seitenwänden der Bühne in die Büros der kirchlichen Würdenträger hinabblicken.se –, ken habna Das antisemitische Klischee. Kerz ist außer sich vor Wut „Das alles war ungeheuer belastend für meinen Mann, er arbeitete unter großem Zeitdruck. Die Stimmung war nicht gerade gut”, erinnert sich Kerz-Hirschfeld.

Riesige Anspannung. Dramen im Intendantenzimmer, ein empörter Rolf Hochhuth, weil die Fassung stark gekürzt werden muss. Gleichzeitig versuchen Anwälte des Vatikans und der Firma Krupp, die Produktion zu stoppen. Bürgermeister Willy Brandt gibt Piscator weiter Rückendeckung. Unter Polizeischutz und Protesten findet die Premiere im Februar 1963 statt. Nach der dreistündigen Aufführung habe niemand geklatscht, erinnert sich Louise Kerz-Hirschfeld. Langes Schweigen, kollektives Luftanhalten. Erst als das künstlerische Team die Bühne betritt, brausen Beifallsstürme auf. Der Dramatiker Rolf Hochhuth wird uber Nacht berühmt, das Life Magazine berichtet auf zwölf Seiten. Theaterkritiker aus ganz Europa besprechen das Stück. Kerz-Hirschfeld sinniert für einen Moment: „Mein Mann Leo empfand diese Situation keinesfalls als Triumph. Er litt persönliche Qualen. Vor allem aber wollte er an diesem Abend unter Amerikanern sein.”

Anstatt an der Premierenfeier teilzunehmen, dinierten Louise und ihr Mann mit Robert Lackenbach, dem Fotografen von Life. Das Ehepaar kehrte bald schon nach New York zurück.

Auch Louises zweiter Ehemann war ein genialer Künstler

Wenige Monate nach der Premiere bezieht die Freie Volksbühne unter Erwin Piscators Intendanz das neu errichtete Theatergebäude in der Schaperstraße, heute Haus der Berliner Festspiele. Bis zu seinem Tod im Jahr 1966 arbeitet Piscator hier – mit Peter Weiss’ ‘Ermittlung’ und weiteren dokumentarischen Stücken – Jenen deutschen Zivilisationsbruch auf, der seinen Lebensweg und sein politischesend Theater hat entsägäg

Und Louise Kerz-Hirschfeld? Sie heiratete nach Leo Kerz’ Tod im Jahr 1976 noch zweimal. Auf einer von ihr initiierten Website erzählt sie Kerz’ Geschichte – neben vielen Bühnenbildentwürfen findet man dort Schnappschüsse aus dem Familienleben mit den beiden gemeinsamen Söhnen. Auch um den umfangreichen Nachlass ihres berühmten zweiten Mannes Albert „Al” Hirschfeld kümmerte sie sich. Den Vorsitz der „Al Hirschfeld Foundation“ hat sie inzwischen abgegeben. „Ich schaff das nicht mehr, das müssen jetzt andere machen“, sagt sie.

Es ist Nachmittag geoworden. Kerz-Hirschfeld nimmt mich mit in ihr kleines Büro. An der Wand hinter dem Schreibtisch entdecke ich ein Foto. Es zeigt die blendend schöne Louise auf einer Party, mit offenem Blick zwischen Edward Albee und Tennessee Williams – in den 1960ern muss das gewesen sein. Zum Abschied schenkot sie mir ein Seidentuch. Das nächste Mal kaufe ich die Blumen rechtzeitig.

By admin

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