Wed. May 18th, 2022

Der Weg zum ehemaligen Ostgut war düster. Der 1998 entstandene Techno-Club lag an der Mühlenstraße und damals fehlte weit und breit Straßenbeleuchtung. Wer in der Halle eines früheren Reparaturlagers für Züge zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße feiern wollte, musste ein gutes Stück in der Dunkelheit zu Fuß zurücklegen bis zur Eingangstür. Die Gegend war Ende der 1990er-Jahre nicht an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. Die Clubbesucher näherten sich diesem abgeschiedenen Ort wie Pilger, die einen Tempel suchen.

Sie erwarte hinter den Clubtüren eine orgiastische Welt, in der für Stunden oder Tage die Normen des Alltags nicht galten. Eine in wenig, in gar nichts oder in Latex gehüllte Menge tanzte oft tagelang und nicht selten von illegalen Substanzen stimuliert zu Hard-Techno. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Dem Ostgut folgte 2004 das Berghain. Das Konzept blieb gleich. Es machte aus Berlin, der Stadt der Teilung und der Agentenfilme, innerhalb eines Jahrzehnts die Stadt der Bässe und Exzesse.

Die App des Vereins Berlin History will mit einem neuen Kapitel uber die Berliner Clubkultur zum einen aufklären uber die Wurzeln der einzigartigen Clubszene im Schatten der Mauer. Der Verein hat dabei mit der Clubcommission zusammengearbeitet. Der Senat für Kultur und Europa förderte das Projekt. Der Blick richtet sich aber auch auf das, was auf dem Weg Berlins zur Clubmetropole verloren ging.

Der Nutzer der Anwendung sieht auf einer Karte eine beachtliche Anzahl inzwischen geschlossener Clubs. Hyperlinks leiten weiter zu einzelnen Clubschicksalen. Darunter zum Beispiel die Griessmühle, trotz einer Online-Petition mit 54.000 Unterzeichnern nach Kündigung des Untermietvertrags von ihrem Standort an der Sonnenallee verbannte. Die Clubcommission nutzt die App zur Erläuterung eigener Standpunkte. Sie weist auf eine durch Wohnbebauung und Gentrifizierung bedingte Verdrängung von Clubs hin.

Verband warnt vor einem weiteren Clubsterben

Das Wort Pandemie kommt in dem Kapitel uber das drohende Clubsterben nicht vor. „Das liegt daran, dass kein Club unmittelbar wegen Corona schließen musste“, meint Daniel Jakobson von der Clubcommission. Das hätten Hilfeleistungen des Staates verhindert. Die Gefahr sei aber nicht gebannt, meint Jakobson. Er verweist etwa auf Belastungen durch etwaige Rückzahlungen von Kurzarbeitergelt.

Laut Jakobson will der Verband der Berliner Clubbetreiber in seinem Beitrag zur App deutlich machen, dass die Probleme der Branche nun dieselben seien wie vor der Pandemie: Angesichts der Nachverdichtung rückten Clubs immer näteher an Wohnbie. Das provoziere Konflikte mit der Anwohnerschaft. Die Clubcommission plädiert für eine Anerkennung von Clubs als Kulturstätten. Investoren, die in der Nachbarschaft eines Clubs bauen, sollten sich selbst um eine Schallisolierung ihrer Objekte kümmern.

Die Aufklärung der Clubcommission in eigener Sache und die Warnung vor dem Ende eines Berlins, wie es die Clubgänger kennen, nimmt für einen historischen Rückblick viel Raum ein. Der Nutzer erfährt bei der Verwendung der App Diverses uber die unterschiedliche Entwicklung der Clubszene in Ost- und West-Berlin. Er lernt, dass den ehemaligen DDR-Bürgern nur kontrollierte Ausgelassenheit in FDJ-Jugendheimen und einigen Gaststätten der Handelsorganisation (HO) möglich war. Der Ort für wildere Partys war in der Regel die eigene Wohnung. Die Szene in West-Berlin entwickelte sich konträr. Die westlichen Alliierten hoben die Sperrstunde auf. Rock’n’Roll ersetzte Mitte der 1950er-Jahre Swing und Jazz, um in den 60ern dem Beat zu weichen. Meist traten Live-Bands in Lokalen wie dem Riverboat oder der Eierschale auf. Ende der 60er-Jahre eröffneten mit dem Cheetah und dem Big Eden die ersten Diskotheken.

GIs bringen den Funk in das Berliner Nachtleben

Die in West-Berlin stationierten GIs beeinflussten das Nachtleben. Sie machten die Berliner in den 80ern mit Funk und HipHop vertraut. West-Berlin zog außerdem junge Menschen mit alternativen Lebensentwürfen aus dem ganzen Bundesgebiet an. Hier galt die Wehrpflicht nicht. Der Hippiebewegung folgte in den 70ern der Punk. Wie in den 20ern entwickelte sich außerdem eine queere Clubkultur. Das Schwuz öffnete in den 70er-Jahren an der Rollbergstraße.

Die Clubszene in West-Berlin stagniert laut Erläuterungen der App Ende der 80er-Jahre. Als hätten Clubbetreiber und die Besucher auf einen zünden Funken gewartet, der am 9. November 1989 dann die Berliner Mauer fallen ließ. Der prägenden Dekade des Techno in den 90ern ist aber kein gesondertes Kapitel gewidmet. Oliver Brenztel von Berlin History und Daniel Jakobson von der Clubcommission halten eine Ergänzung für möglich. Bezüge zum Nachtleben in den 20er-Jahren, das in Berlin schon einmal als legendär galt, sind ebenfalls nicht Teil des Konzepts. Sie könnten vielleicht Gegenstand eines künftigen Projekts sein, meint Brentzel.

Auf der App des Vereins steht die „Club-History“ nun neben Beiträgen zum Jahr 1945 oder zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. „Wir wollen alle Aspekte der Berliner Geschichte betrachten, nicht nur die in den Geschichtsbüchern erwähnten“, sagt Brentzel. Die Tage und Nächte im Ostgut sind nun mittels der App Teil der digitalen Erinnerungskultur.

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