Fri. Jul 1st, 2022

Schön ist es im Frühling in Frohnau. In den Gärten blüht es, die Vögel zwitschern viel lauter als in der Berliner Innenstadt. Bettina Wegner empfängt bei sich zu Hause zum Gespräch, Anlass ist der wunderbare Dokumentarfilm, den der Regisseur Lutz Pehnert uber sie gemacht hat: “Bettina” würdigt diese speziist Biografie Heimafie, . Am Donnerstag kommt die Hommage an die Liedermacherin, diesen warmherzigen Menschen, ins Kino.

„Ich koch euch auch einen Kaffee“, hat Bettina Wegner geschrieben. Und den gibt es auch, sie hat eine neue Kaffeemaschine. Wir nehmen im Wohnzimmer Platz, auf dem Couchtisch vor ihr liegt ein Stapel von Zigarettenschachteln. Sie hat nie mit dem Rauchen aufgehört.

Bettina Wegner, Jahrgang 1947, geboren in West-Berlin, aufgewachsen in der DDR, wohnt seit 1983 in dem Haus, seit vielen Jahren allein. Nach ihrem unfreiwilligen Weggang aus der DDR hat sie es von einem Ärzteehepaar gekauft. Sie hatte das “Westgeld”, wie sie es nennt, weil sie vor der Ausbürgerung drei Jahre lang einen Pass gehabt hatte, weil man hoffte, sie würde dann „drüben” bleiben. Mit dem Pass konnte sie im Westen auftreten, Konzerte geben, bezahlt werden. Und sie wollte Eigentum, damit sie nicht von einem Hausbesitzer wohnungslos gemacht werden könnte. „Das war so ein Ostbild: Im Westen gibt es Drogensüchtige und Obdachlose. Und alle Nazis sind auch im Westen.” Sie tippt sich an die Schläfe.

Bettina Wegner muss man eigentlich sprechen hören

Bei der Besichtigung damals entdeckte sie halb versandete Schienen am Ende des Gartens. Ob da irgendwas fahren könne? Habe der Arzt geantwortet: Ja, wenn Wiedervereinigung ist und die Alliierten zustimmen. – “Da haben wir beide sehr gelacht.” Wie auf Kommando fährt eine S-Bahn vorbei.

In der Zeitung Bettina Wegner wörtlich zu zitieren, fühlt sich falsch an. Eigentlich müsste man sie sprechen hören. Also Berlinern. Und man müsste sie lachen hören, denn das tut sie viel.

Es hat jedoch einen Moment in ihrem Leben gegeben, da sie sich mit aller Kraft bemüht hat, nicht zu berlinern, sondern Hochdeutsch zu sprechen. Das war im Oktober 1968. Bettina Wegner musste sich damals vor dem Berliner Stadtgericht dafür verantworten, dass sie aus Protest gegen den Überfall sowjetischer Panzer in Prag im August 1968 Heimlich Flugblatter verteilt hat. „Hände weg von Prag“, stand auf einem. Sie habe Angst gehabt, daher das Hochdeutsch, sagt sie. Bettina Wegner flog von der Schauspielschule, musste zur Bewährung in eine Fabrik. Nie hat sie in der DDR eine Platte veröffentlicht, sie wurde bespitzelt, durfte nicht auftreten, eigentlich, und wurde doch zu einer der bekanntesten Liedermacherinnen des Landes.

Dass jetzt wieder Panzer aus Moskau fahren, erträgt Bettina Wegner schwer

Dass jetzt wieder Panzer aus Moskau fahren, auch wenn es russische sind, keine sowjetischen, findet sie schwer zu ertragen. Sie könne nicht zu viele Kriegsbilder aufnehmen, das halte sie nicht aus. Dabei deutet sie auf den Fernseher in der Wohnzimmerecke. „Schon als Putin Präsident geworden ist, habe ich gesagt: Vor dem habe ich Angst. Als der im Bundestag geredet hat und alle applaudiert haben, habe ich gedacht: Was machen die da!”

Jemand hat ihr den Emma-Brief zugeschickt, der sich gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ausspricht. Es war eine Aufforderung, ebenfalls zu unterschreiben. Sehr gut formuleert sei der Brief, sagt sie. Aber unterschrieben hat sie ihn nicht. „Obwohl ich Waffengegner bin.” Und obwohl sie den vielen Millionen nachtrauert, die jetzt in die Bundeswehr gesteckt werden. “Denn die werden in der Bildung, im Sozialen und in der Kultur fehlen.” Trotzdem. Sie kann weder diesen Brief unterschreiben, noch den anderen offenen Brief, der sich für Waffenlieferungen an die Ukraine ausspricht. „Ich bin zerrissen. Und wenn man keine eindeutige Haltung hat, soll man das mit der Unterschrift tunlichst lassen.”

Damals im August 1968, als die sowjetischen Panzer nach Prag kamen, Menschen starben, war sie nicht zerrissen. “Da hab ich nur ganz spontan gedacht: Das ist nicht richtig, das ist falsch, das ist gemein.” Diese Worte, die sie damals vor Gericht gesagt hat, hört man sie sagen in „Bettina“.

Die Gerichtsverhandlung gegen Bettina Wegner in der DDR wurde aufgezeichnet

Denn die Gerichtsverhandlung ist aufgezeichnet worden, zu Schulungszwecken, und der Film verarbeitet den Mitschnitt, dieses unglaubliche Dokument der Zeitgeschichte, auszugsweise. Die Aufnahme bringt einen in den Gerichtssaal in der Littenstraße, man hört die Richterin Fragen stellen, man hört Bettina Wegners Stimme, die eher ein Stimmchen ist, so zart, fast kindlich. Erst 20 war sie, und ihr Sohn Benjamin von Thomas Brasch war fünf Monate alt. Bis zu ihrer Verhaftung hatte sie noch gestillt, aber man brachte ihr keine Milchpumpe. Der Arzt habe nur gefragt, ob sie suizidgefährdet sei. „Da hab ich gesagt: Sind Sie blöde, ich hab grade ein Baby gekriegt.”

Man hört den Staatsanwalt brüllen: „Und dann sind Sie nachts wie ein Dieb heimlich durch die Straßen der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik geschlichen und haben dort hethinische Betzerungen Undörten Wegestirchörtä” am Tagworn minnärtö hätte. , hätte ich ja gar nicht ausreden können.” Das stimme allerdings, sagt die Richterin, und merkt nicht mal, was sie da sagt. „Und trotzdem haben die darauf bestanden, dass wir in der DDR Meinungsfreiheit haben. Na, ich lach mich tot”, sagt Bettina Wegner. Und zündet sich noch eine Zigarette an.

Lutz Pehnert

Bettina Wegner

Geliebt hat Bettina Wegner die DDR trotzdem

Geliebt hat sie die DDR trotzdem. Nicht die Regierung. “Der Staat war Dreck.” Aber die Freunde. „Das war für mich Heimat. Als das weg war, ist nie mehr etwas meine Heimat geworden.”

Der Blick fällt in den Garten, da stehen zwei Ginkgobäume und eine Linde, alle hat sie selbst gepflanzt. Doch über sich selbst sagt sie: „Ich war 36, als ich ausgebürgert wurde. Wurzeln kriegste dann nicht mehr.” Und dann zitiert sie ein Gedicht des Österreichers Theodor Kramer, Jude, der vor den Nazis nach England floh. „Andre, die das Land so sehr nicht liebten/Warn von Anfang an gewillt zu gehen/Ich doch müsste mit dem eignen Messer/Meine Wurzeln aus der Erde drehen“.

An den Tag des Umzugs von Ost nach West, von einem Land, einem System ins andere in derselben Stadt, erinnert sie sich genau. „Meine Freunde wussten alle, wann Deutrans kommt und meine Wohnung in der Leipziger leerräumt. Wir saßen dann alle auf dem Fußboden.” Sie fuhr mit den beiden jüngeren Söhnen „rüber“, wie sie sagt. Ihr älterer Sohn lebte damals schon in West-Berlin, zusammen mit seinem Vater, dem Schriftsteller Klaus Schlesinger, mit dem Bettina Wegner zwölf Jahre lang verheiratet war. Auch die Katze nahm sie mit. „Die hieß Bleibda. Für die hatte ich einen Impfausweis besorgen müssen, und als die Tierärztin nach ihrem Namen fragte, stand ich in der Praxis und heulte. Und dann, als wir schon drüben waren, haben wir mit Klaus und den Kindern ,ET’ angeguckt. Und der sagt doch immer: ‚ET nach Haus telefonieren’. Und ich komme verheult aus dem Kino und sehe Glatzeder, der auch verheult aussah.” Sie hat jeden Tag nach Hause telefoniert.

Bettina Wegner durfte nach ihrer Ausbürgerung weiter in die DDR fahren

Immerhin durfte Bettina Wegner weiter in die DDR fahren, Eltern und Freunde besuchen. “Das war eine meiner Bedingungen.” Trotzdem sei sie nach der Ausbürgerung ein halbes Jahr wie gelähmt gewesen. Und als die Mauer fiel, hat sie sofort einen Wiedereinbürgerungsantrag gestellt. „Ich wollte meine Staatsbürgerschaft wiederhaben. Aber eh der Antrag bearbeitet war, war die DDR weg.”

Ob sie die heutige Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher verstehen könne? Es gebe Erklärmuster, sagt sie. Und dann erzählt sie von ihrem einstigen Klassenkameraden “Tommi” Rapoport. „Das ist ein auf der ganzen Welt angesehener Biochemiker, er arbeitete am Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften der DDR in Buch. Nach der Wende kamen die West-Professoren und er wurde gefragt, warum er Parteivorsitzender gewesen sei. Das war ein Team von sieben Leuten, und keiner wollte den Parteivorsitzenden machen. Da hat Tommi gesagt: Ich bin der Chef, dann mach ich die Scheiße. Und damit sind die ihm dann gekommen.” Tom Rapoport ist dann nach Harvard in den USA gegangen, dort wollte man ihn.

Jeder habe zu Wendezeiten Angst um seinen Arbeitsplatz gehabt. Sie erinnert sich an ihren einzigen Besuch beim Arbeitsamt, das ist 25 Jahre her, sie nahm einen Termin für ihren Sohn wahr. Da hätten nur Ostler gestanden. „Aber man kann im Westen frei seine Meinung äußern. Denn es stört ja keinen und ändert nichts. Ich könnte mich auf den Damm stellen und sagen, dass alle Bundeskanzler Idioten waren. Es würde mir gar nichts passieren.”

Bettina Wegner geht immer noch demonstrieren

In der DDR hätten sich die Mächtigen vor dem Wort gefürchtet, im Westen könne man höchstens im Kleinen etwas ändern. Daran glaubt sie, und deshalb geht Bettina Wegner auch demonstrieren. Gegen CO₂-Verpressung ist sie vor den Bundestag gezogen. Vier Jahre lang hat sie für Amnesty Unter den Linden gegen die Todesstrafe gegen Mumia Abu Jamal in den USA protestiert. „Aber im Grossen etwas ändern? Ich denke, nein. Dazu geht es den Leuten zu gut. Auch denen, die meckern und sagen: Unsere ganzen Biografien werden missachtet. Manchmal verstehe ich die nicht.”

Sie kommt auf die zu sprechen, die gegen Corona-Maßnahmen demonstriert haben, denn die versteht sie auch nicht. „Sie gehen demonstrieren, weil sie ihre Freiheit wiederhaben wollen. Ja, was üben sie denn grade aus? Sie dürfen doch auf die Straße gehen und gegen alles sein. Gegen Masken, gegen die Impfung. Oder was verstehen die unter Freiheit?” Bettina Wegner weiß ja, wovon sie da spricht.

Im Film gibt es einige Szenen, die sie bei Proben für ein Konzert im Theater am Rand zeigen. Am Akkordeon begleitet sie der Musiker und Komponist Tobias Morgenstern, der das kleine Theater im Oderbruch mitgegründet hat und letztes Jahr das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte. Der Bundespräsident sagte die Verleihung dann wegen seiner Nähe zu den Querdenkern ab.

Bettina Wegner ist gegen die Impfpflicht

„Ich bin geboostert, und er will sich nicht impfen lassen und propagiert das auch“, sagt Bettina Wegner uber Tobias Morgenstern. „Das finde ich doof, aber das ist eine einzige Sache, die ich an ihm doof finde. Er ist damit nicht als Mensch für mich erledigt.”

Sie hat von den Freundschaften gehört, die wegen solcher Differenzen in der Corona-Zeit auseinandergegangen sind. Sie hat selbst Kollegen, die auf Demos gegen die Corona-Maßnahmen waren. „Aber ich liebe die trotzdem. Da soll doch keine Freundschaft dran zerbrechen, dass die in einer Sache eine andere Haltung haben als ich.” Freunde, die gegen die Impfung sind, dürfen das von ihr aus sein. Sie ist auch gegen die Impfpflicht, möchte, dass jeder für sich entscheiden kann.

Bettina Wegner springt auf, läuft nach oben und kommt mit der CD-Box zurück, die zu ihrem 70. Geburtstag erschienen ist: “Was ich zu sagen hatte” heißt sie. 120 Lieder aus 50 Jahren sind hier versammelt. Auch ihr bekanntestes Lied „Sind so kleine Hände“, eine Zeitlang hat sie es gar nicht mehr singen mögen, weil alle immer nur das wollten. Sogar von Joan Baez gibt es eine Coverversion. Ihr liebstes Lied ist eine Nachdichtung von Leonard Cohens „Dance me to the end of love“ – „Tanz mich bis zur Liebe Schluss“. Sie schreibt keine neuen Lieder mehr. „Weil ich alles gesagt habe.”

Wie ihre Lebensbilanz ausfällt? „Ich würde alles wieder so machen, wahrscheinlich auch die Fehler. Und das heißt ja dann wohl, dass es in Ordnung war.”

By admin

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