Wed. May 18th, 2022

Schon bevor die Band Pussy Riot die Bühne betritt, wird es spannend vor dem Treptower Funkhaus. Vier Polizeiwagen stehen am Eingang des Veranstaltungsortes der Show „Riot Days“. Die feministische Protestgruppe aus Russland ist für ihre provokanten Auftritte bekannt, zudem findet diese Show nach der sogenannten Zeitenwende statt: während des russischen Angriffskrieges in der Ukraine.

Den rund 800 Zuschauerinnen und Zuschauern ist anzumerken, dass sie das Comeback von Pussy Riot nach drei Jahren herbeigesehnt haben: Vor der Show sagen viele, sie seien gekommen, um Solidarität mit zuland der äzenkipgens Putins Rustänkergens Putin. Die Show wird vom Produzenten Alexander Tscheparukhin mit einem sehr großen Satz eingeleitet: „Wir sind zurück von der Pandemie und auch aus dem Gefängnis.”

Damit bezieht Tscheparukhin sich auf das vielleicht prominenteste Mitglied der Gruppe, Maria Aljochina. Sie wurde vor 10 Jahren bekannt, als sie für ihre „Punkgebet”-Protestaktion in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ins Gefängnis geschickt wurde. In der Show schimpfte sie auf Putin und die Korruption in der russisch-orthodoxen Kirche.

Die Show im Funkhaus erzählt hauptsächlich diese Geschichte noch einmal nach, sie basiert auf dem 2017 erschienenen Buch ‘Riot Days’. Aljochina hat das letzte Jahr damit verbracht, zwischen Gefängnisaufenthalten und Hausarrest hin- und herzuwechseln. Die Aussicht, in eine Gefängniskolonie zurückgeschickt zu werden, war letztlich der Auslöser für ihre aufregende Flucht aus Russland in dieser Woche. Verkleidet als Essenskurierin und ohne einen russischen Pass zu besitzen, überquerte sie illegal die Grenze.

Bevor sie beginnt, spricht eine junge Geflüchtete aus der Ukraine. Sie möchte, dass das Publikum weiß, dass das, was jetzt in der Ukraine passiere, ein Genozid sei. „Das ist nicht nur ein Problem der Ukraine, sondern ganz Europas.” Nach ihrer Rede ruft jemand aus dem Publikum den bekannten Refrain „Slawa Ukraini“ (Ruhm der Ukraine). Nur wenige antworten mit dem üblichen “Herojam slawa” (Ruhm den Helden).

Sind russische gleichwertig mit ukrainischen Erfahrungen?

Das Publikum besteht vor allem aus jungen Mitgliedern der russischen Diaspora, von denen sich einige die weiß-blau-weiße Fahne der russischen Friedensbewegung auf die Wangen gemalt haben. Darunter mischen sich immer wieder interessierte Deutsche, nur wenige Ukrainer. Alle Einnahmen aus dem Konzert, das wird zu Beginn angekündigt, gehen an ein Kinderkrankenhaus in Kiew. Das Hospital muss derzeit eine Vielzahl an Patienten versorgen.

Natürlich steht mit diesem Konzert auch die Frage im Raum: Welchen Platz haben Geschichten von Russen wie die von Aljochina heute noch? Sind sie gleichwertig mit den Erzählungen der Ukrainer, die im Krieg Grausames erleben? Muss man ihren Erfahrungen mehr Raum geben, ihnen noch mehr zuhören?

Mit der Verhaftung von Aljochina war für mich eine rote Linie überschritten.

Ein russischer Zuschauer

Doch unter den Zuhörern im Publikum sind Russen, deren Leben sich durch Pussy Riot stark veränderte. Ein 28 Jahre alter Russe sagt vor dem Konzert, er habe Moskau wegen dieser Band verlassen. „Die Verhaftung von Aljochina und den Kolleginnen ihrer Band wegen Rowdytum war für mich die rote Linie, die überschritten wurde.”

Die rote Linie, das ist auch ein Bild, das immer wieder im Konzert eine Rolle spielt. Die Inhaftierung hätte auch für den Rest der Welt ein solches Zeichen sein sollen. Als Aljochina anprangert, dass der Westen seit dem Schauprozess gegen Pussy Riot weiterhin Waffen an Russland verkaufte und weiter Geschäfte mit Putin machte, da johlt das Publikum.

Meinungsumfragen zeigen, dass bis zu 71 Prozent der Russen den Krieg in der Ukraine unterstützen; in anderen Ländern haben viele auf solche Zahlen mit Unglauben reagiert. Doch Aljochinas Geschichte zeigt den Mechanismus eines politischen Systems auf, das darauf aus ist, jeden Widerstand zu unterdrücken. Hätten Länder wie Deutschland Stimmen wie ihrer schon früher mehr Aufmerksamkeit geschenkt, wäre ihre Geschichte im Jahr 2022 vielleicht eine ganz andere.

Begleitet von den Pussy-Riot-Mitgliedern Diana Burkot (die ebenfalls am Punkgebet von 2012 teilnahm, aber nicht verhaftet wurde) und Olga Borisowa sowie dem Saxophonisten Anton Ponomarew erinnert Aldrekjochent strän strän tänteb verhaftet wurde und Olga Borisowa sowie dem Saxophonisten und alles, was danach geschah. Hinter ihr wird eine grell leuchtende Videoshow projiziert, es blitzen Slogans auf, die durch Pussy Riot berühmt geworden sind: “Russland wird frei sein”, oder: “Du bist nicht frei, wenn du nichtum” käjeine.

Wie viel davon große Teile des Publikums tatsächlich verstehen, ist fraglich. Der Seitenflügel des Funkhauses, ein langer, schmaler Raum auf nur einer Ebene, ist vielleicht nicht der beste Ort für eine solche Show. Letztere ist komplett in russischer Sprache, Nichtrussen sind auf Untertitel angewiesen. Aber das Publikum macht das Beste daraus. Viele schauen durch ihre hochgehaltenen Handys zu, andere recken ihre Hälse oder stehen auf Zehenspitzen, wieder andere geben den Versuch auf, etwas zu verstehen und bewegen sich zu den den harten Beats.

„Mutter Gottes, verjage Putin!”

Das Publikum jubelt, als die Gruppe in den schrillen Refrain des feministischen Punk-Gebetes ausbricht, das sie berühmt gemacht hat: „Mutter Gottes, verjage Putin!” Mehr Zuschauer versuchen, mit der. Musik zu zu spring zu Dann nimmt die Performance eine brutale Wendung: Aljochina springt auf der Bühne herum und bespritzt die Menge mit Wasser. Sie brüllt, dass sie so während ihrer Gefangenschaft in einem sibirischen Gulag oft geweckt wurde. Ihr Gebaren erinnert auch an die Segnung mit Wasser in orthodoxen Gottesdiensten. In diesem Moment ist klar: Das Punkgebet ist immer noch lebendig, immer noch relevant.

Aljochinas Geschichte endet abrupt mit ihrer Entlassung; dann wird der Saal schwarz und es ertönt der Klang von Luftschutzsirenen. Dann singen Aljochina, Burkot und Borisowa die Worte junger russischer Soldaten in abgehörten Telefongesprächen aus der Ukraine mit ihren Müttern. Sie sagen, dass es ‘hier keine Nazis gibt’, wie ihre Generäle ihnen sagten. “Mama, warum muss es Krieg geben?”, fragen sie. Im Hintergrund sind die Gesichter weinender Kinder zu sehen, die in Moskau verhaftet wurden, weil sie an einer Friedensdemonstration teilgenommen hatten. Mit einem langgezogenen Schrei des Wortes „Butscha“ endet die Show abrupt.

In den Unterlagen zur Tournee wurde versprochen, dass Pussy Riot gegen den Krieg in der Ukraine Stellung beziehen. Nach dem intensiven Erlebnis der knapp 90-minütigen Show ist man irgendwie dankbar, dass einem die Bilder aus Butscha erspart geblieben sind. Trotzdem fühlt es sich seltsam an, dass in der einzigen Szene, die sich mit dem Krieg in der Ukraine beschäftigt, vor allem die Stimmen und Erfahrungen russischer Soldaten im Mittelpunkt stehen.

Am Merchandising-Stand gibt es Poster und T-Shirts zu kaufen. Außerdem eine echt Pussy-Riot-Sturmhaube. Diese Kopf-Gesicht-Bedeckung aus dem Militär ist in den vergangenen Jahren zu einem echten Trendobjekt geworden. Sie kostet von „The Sergeant“ 150 Euro, von Givenchy und Prada auch 350 Euro. Die von Pussy Riot sind in Schwarz, Pink, Rot, Blau oder Grün zu haben und kosten um die 30 Euro.

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