Wed. May 18th, 2022

Waren Sie mal am Kreidefelsen, dem Zipfel Rügens, den Caspar David Friedrich vor uber 200 Jahren in einem Gemälde verewigte? Oder in Hannover? Dann wissen Sie vielleicht, dass man aus der Hauptstadt gar nicht so lang braucht, um in die benachbarte Landeshauptstadt oder an die Ostsee zu düsen. Gut 270 Kilometer sind das jeweils. Genauso nah bin ich aktuell dem Polarkreis, tippe diese Zeilen aus der nördlichsten Hauptstadt der Welt: Reykjavík. Mit Blick auf den Nordatlantik und schneebedeckte Berggipfel.

Es gibt schlimmere Orte für die Lohnarbeit. Vor mir steht ein alkoholisches Getränk. Kostenpunkt: niedriger zweistelliger Eurowert. Prekär beschäftigt lässt sich in Island nur der Ausblick genießen. Lokalpatriotisch nennt sich Bier hier aber „Viking“, vielleicht zahlt man also auch für die PR-trächtige Geschichte des kriegerischen Skandinaviens ein bisschen drauf.

Fans der Großstadt sollten besser nicht nach Reykjavík reisen, obwohl in der Metropolregion mehr als die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner des Landes leben. Island, und damit auch seine Hauptstadt, sind klein. Aktuell findet das Leben trotzdem draußen statt. Dunkel wird es eigentlich nicht. Abends um neun ist es genauso hell wie nachmittags um vier. Noch bis Ende Juni werden die Tage länger – und heller. Aktuell für mich kaum vorstellbar, denn so richtig dämmert es hier kurz unterm Polarkreis schon jetzt nicht mehr.

Das Hauptfortbewegungsmittel der Landsleute scheint – so zumindest mein erster Eindruck – der in Berlin so verpönte E-Scooter zu sein. Ausleihstationen, und dementsprechend achtlos herrumliegende Roller, gibt es aber keine. Kaufen die Menschen sich hier also alle so ein Teil?

Imago/Imagebroker

Fjordlandschaft in Island: Viele Isländer glauben noch an Trolle.

Elfen, Trolle & Gnome: Jeder Zehnte in Island glaubt daran

Vielleicht liegt das ja auch an dem mitunter wenig geradlinigen Straßenverlauf. Bei Bauprojekten wird nämlich nicht nur Isländerinnen und Isländern ein Mitspracherecht eingeräumt, sondern auch dem Huldufólk. Einem verborgenen Völkchen, das mit bloßem – menschlichem – Auge nicht sichtbar ist. Knapp 10 Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen des Landes sollen nämlich sicher an die Existenz von Elfen und Trollen glauben, etwa 45 Prozent wollen diese zumindest nicht fest ausschließen. In ersten Gesprächen mit den Menschen hier habe ich mir aber sagen lassen, dass diese Umfragen so nicht ganz stimmen, gerade jüngere Isländerinnen und Isländer scheinen argwöhnischer auf die Legenden.zu Besteht nun aber die Gefahr, Trolle, Elfen oder Gnomen durch den Bau einer Straße zu verärgern, kann die kurzerhand auch schon einmal umgebaut werden, verläuft dann kurvig, statt gerade.

Gefahr Klimawandel: Okjökull offiziell kein Gletscher mehr

Keinen Zweifel gibt es unterdessen am Klimawandel: Die Eisinsel schwitzt. Vor drei Jahren ist der 700 Jahre alte Gletscher Okjökull offiziell für tot erklärt worden, als erster des Landes. Das vermeintlich ewige Eis Islands – es ist doch endlich. Bei der offiziellen Abschiedszeremonie wurde eine Tafel mit der Überschrift “Ein Brief an die Zukunft” enthüllt. Gewarnt wird darauf unter anderem, dass in den kommenden 200 Jahren all „unsere wichtigsten Gletscher den gleichen Weg“ gehen würden.

Gletscher verlangsamen aber nicht nur die globale Erderwärmung, sondern steuern gerade hier auf Island auch Vulkanaktivitäten. Schmilzt Eis, können sich Vulkane darunter viel stärker und leichter entladen. Als sich im Frühjahr 2010 der Vulkan unter dem Eyjafjallajökull entlud, legte das den europäischen Flugverkehr tagelang lahm. Die Fahrt dahin dauert von Reykjavík übrigens kürzer als von Berlin nach Hannover. Ich werde es mal ausprobieren. Noch sind die Gletscher ja da.

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