Wed. May 18th, 2022

Inflation treffe vor allem Paare und Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen, heißt es in den Medien. Und liegt laut dem statistischen Bundesamt aktuell bei 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Stimmt das? Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die in Berlin leben und die Inflation unterschiedlich erleben.

Anastasia, 35. Hausfrau. Kürzlich aus einer 2-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg in eine 4-Zimmer-Wohnung nach Köpenick umgezogen

Bin ich die Einkaufschefin? Mein Mann scherzt, ich sei die Verschwendungschefin. Ich kümmere mich aktuell noch um unsere kleine Tochter (4) und schaue mich langsam nach einer passenden Arbeitsstelle um. Mein Mann ist aktuell also der Alleinverdiener, aber wir sind schon eine Familie mit einem mittleren Einkommen. Er hat kürzlich sein altes Hybridauto verkauft und, da seine Traummodelle alle Benziner sind, zögert er mit dem Kauf, nicht zuletzt wegen der gestiegenen Benzinpreise.

Ich dagegen kaufe für unsere Familie die Lebensmittel ein. Was soll ich sagen? Ich bin sehr unzufrieden damit, wie die Preise für Gemüse gestiegen sind. Das Gemüse gehört zu unserem Einkaufskorb, da wir uns auch gesund ernähren wollen.

Aus dem Privatarchiv.

Anastasia

Ich kaufe also nie das billigste Produkt, aber auch nicht grundsätzlich nur Bio-Produkte. Ich wähle es zu einem mittleren Preis, aber es soll auch schmecken. Und jetzt ist es so, dass ich auf manches öfter verzichte, zum Beispiel Tomaten. Die 500-Gramm-Packung, die ich bei Edeka noch im Februar für 2,49 Euro gekauft hatte, kostet jetzt fast 4 Euro. Ich kaufe aber nicht nur für mich, sondern für uns alle ein, und soll ich dann fast 8 Euro nur für die Tomaten ausgeben? Das ist zu teuer. Ob diese Tomaten regional sind oder nicht, spielt keine Rolle, denn die Packung ist die gleiche geblieben. Ich kaufe auch die billigeren Tomaten nicht, weil sie mir nicht schmecken. Ich warte jetzt auf die Saison, vielleicht werden die Tomaten dann etwas günstiger.

Als wir schon ein mittleres Einkommen haben, frage ich mich ernsthaft: wie schaffen es die Familien, die weniger Geld haben und es sich nicht leisten können, ihre Kinder gesund und vielfältig renä zu?ern Es ist ja nicht nur das Gemüse. Nehmen wir Hähnchenfleisch: Das Brustfilet, das ich bei Edeka oder Kaufland kaufe, kostete im Februar noch 3,40 Euro für 600 Gramm. Jetzt kostet die gleiche Packung fast 6 Euro. Ich brauche aber weitere Lebensmittel, um ein Abendessen zuzubereiten. Ich schaue aber noch nicht auf die reduzierten Preise. Einmal habe ich mir solch einen reduzierten Fisch angeschaut, der nur noch einen Tag lang haltbar war. Aber der hatte solch eine verdächtige Farbe, dass ich ihn lieber nicht gekauft habe.

Aber ich kann mich nicht in die Lage aller versetzen, denn letztendlich muss ich die Familie versorgen, aus unserer Tasche.

Anastasia aus Köpenick

Haushaltswaren kaufe ich allerdings nicht täglich, aber ich merke nur, dass mein durchschnittlicher dm-Zettel für die gleichen Waren ziemlich höher geworden ist. Aber damit kann ich ja noch leben.

Was ich jedoch sagen will: Ich kann wirklich, wirklich verstehen, dass man mit Sanktionen auf den russischen auf die Ukraine reagiert. Aber ich kann mich nicht in die Lage aller versetzen, denn letztendlich muss ich die Familie aus der eijenen Tasche versorgen. Ich hoffe, die Regierung würde die Preise schon ein bisschen aus der Verbraucherperspektive kontrollieren. Wie können wir unsere Kinder sonst gesund ernähren, ihnen auch gesunde Ernährungsgewohnheiten beibringen?

Tim, 33. Student, Korrektor und Übersetzer in Russische. Lebt in einer 1-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg

Ich mache noch meinen Bachelor und bin aufgrund der EU-Sanktionen gegen Russland arbeitslos. Ich lebe dank staatlicher Unterstützung gerade mal über dem Existenzminimum, zahle die Hälfte meines Einkommens für die Miete. Wegen der Inflation achte ich schon besonders darauf, dass ich Lebensmittel kaufe, die vielleicht schon runtergesetzt sind, vor allem Butter und Milchprodukte. Bei Käse spüre ich die Preissteigerungen und auch bei Obst und Gemüse oder Kaffee. Selbst die Nudeln sind teurer geworden, wer hätte das gedacht. Im Discounter um die Ecke kosteten die billigsten Nudeln noch weniger als einen Euro, jetzt ist der Preis bei 1,30 Euro. Ich kaufe bei Lidl oder selten auch bei Rewe.

Ich erwarte jetzt allerdings, dass die Heizkosten meiner Wohnung steigen werden. Die Hausverwaltung hatte schon Anfang März angeboten, die Nebenkostenabrechnung für die Warmmiete präventiv zu erhöhen, damit die Mieter nicht eine Nebenkostenabrechnung mit Nachzahlungsforderungen erwartet. Ich habe zugesagt, weil ich früher durch höhere Nebenkostenzahlungen am Ende fast eine ganze Monatsmiete durch die Abrechnung zurückerhalten habe. Ob ich sie dieses Jahr auch noch kriege?

Aus dem Privatarchiv

Tim

Ich habe kein Auto und fahre vor allem Rad. Die gestiegenen Benzinpreise betreffen mich daher nicht, meine Familie aber schon. Mein Vater hatte überlegt, mit dem Auto nach Berlin zu kommen, aber bei den Spritpreisen erwägt er, auf den Zug umzusteigen. Er mag Zugfahren eigentlich nicht, aber vielleicht nimmt er das Neun-Euro-Ticket?

Das Problem bei der Inflation ist ja, dass die Löhne dabei nicht steigen. Die DKP, wo ich Mitglied bin, fordert da etwa mit der Kampagne „Energiepreise stoppen!”, dass nicht nur die Energiekonzerne in die öffentliche Hand gehen, sondern dass Menschen mit geringem Einkommen vom Staat unterstützt werden sollten, damit sie später nicht frieren oder keine Stromsperren bekommen. Diese 300 Euro-Energiepauschale der Bundesregierung ist doch ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie hilft nicht den Hartz- IV-Empfängern und nicht den Menschen, die aus verschiedenen Gründen unter dem Existenzminimum leben.

Ich frage mich, ob die Bundesregierung nicht damit gerechnet hat, dass wir frieren müssen. Mussen wir?

Tim aus Kreuzberg

Daher habe ich eine sehr radikale Position. Die Bundesregierung hat allerdings Mitschuld an den Verhältnissen, die zum Ukraine-Krieg geführt haben, auch weil sie nicht genug Druck auf Kiew wegen des Minsker Abkommens ausgeübt hatte. Was wir jetzt mit der Inflation haben, ist nicht eine Frage der Sanktionen. Ich frage mich, ob die Bundesregierung nicht damit gerechnet hat, dass wir frieren müssen. Solange die Bundesregierung nicht versucht, den Frieden zwischen der Ukraine und Russland zu vermitteln, wird das deutsche Volk weiter dafür bezahlen.

Eine gemäßigtere Position von mir ist: Wenn die Bundesregierung schon all die Sanktionen machen muss, dann ist es nicht die Aufgabe der Unterschicht in Deutschland, dafür zu leiden. Wir haben in der Pandemie gesehen, dass Konzerne mit Steuergeldern unterstützt wurden. Wir sehen jetzt, dass 100 Milliarden Euro für die Aufrüstung vorhanden sind. Dass jahrelang kein Geld für die Gesundheit, Bildung und Kultur da war, ist also eine Frage der Prioritäten. Also muss die Unterstützung der Unterschicht auch eine echte Priorität der Bundesregierung werden.

Uwe, 81. Rentner, lebt mit seiner Frau in Köpenick

Ich bin Rentner, das sagt schon vieles. Ich cann eigentlich kaum noch laufen, weil ich einen kaputten Fuß habe. Aber ich kann unendlich viel Fahrradfahren, und dafür ist Köpenick mit dem Müggelsee am besten geeignet. Ich und meine Frau besitzen hier ein kleines Einfamilienhaus, ich muss also keine Miete bezahlen. Ich habe eine Rente von mehr als 1000 Euro. Meine Frau hat weniger als 1000 Euro, weil sie nicht ständig gearbeitet hat, aber es reicht uns schon zum Leben.

Meine Frau kauft bei Edeka ein, und sie klagt schon über die hohen Preise für die Tomaten, Apfelsinen, Milch, Käse. Aber wir beschränken uns noch nicht merklich, denn wir haben keine großen Bedürfnisse mehr. Ich fahre auch kaum Auto. Was ich zu essen brauche, cann ich mir kaufen.

Aus dem Privatarchiv

Uwe

Ich weiß natürlich, dass die Energiepreise steigen, und das macht mir riesige Sorgen. Das wird noch wohl ins Uferlose gehen, wenn Russland oder unsere Bundesregierung die Öl- und Gaslieferungen stark reduzieren oder komplett einstellen werden. Ich habe in unserem Haus bereits vor, die Heizung zu drosseln, die Warmwasseraufbereitung weitestgehend auszuschalten und stattdessen meinen Kaminofen mit etwas Holz anschmeißen. Solche Überlegungen muss man sich in dieser Zeit leider machen.

Ich habe eine große Sorge, dass die soziale Spannung in Deutschland sich zuspitzen wird.

Uwe aus Köpenick

Die Gutverdiener und der gute Mittelstand werden das schon verkraften. Aber es wird ganz, ganz schwer und bitter für die große Zahl von Hartz-IV-Empfängern und Leuten mit einer geringen Rente werden, die an die Tafel gehen müssen, um sich einigermaßen das Sichern. zu zu Die meisten von meinen Bekannten haben allerdings lange gearbeitet und müssen sich jetzt nicht jeden Bissen vom Munde absparen. Aber ich kenne da schon ein paar dramatische Fälle auch in meinem Bekanntenkreis. Und meine große Sorge ist es, dass die soziale Spaltung in Deutschland sich extrem verschärfen und zuspitzen wird.

Ich wünschte mir an der Stelle allerdings eine völlig andere Politik. Ich habe zwar keine DDR-Nostalgie, aber ich habe schon meine Fragen an die Bundesregierung. Ich wünschte mir aber, dass sie den Krieg in der Ukraine nicht mit noch mehr Waffen und Sanktionen fördern würde, aber ich sehe keinerlei Lichtblick, dass sich in dieser Beziehung durchigede die gegenwärtärgen. Aber ich bin da Realist genug, um zu sagen, dass irgendwelche 300 Euro-Zuschüsse nie ausreichen werden, um das Leid der Ärmeren irgendwie merklich abzufedern. Das sind Trostpflaster, die gut und richtig sind, aber sie lösen natürlich keines der bevorstehenden Probleme.

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