Fri. Jul 1st, 2022

Seit Wochen sinken die Zahlen der Geflüchteten, die aus der Ukraine nach Berlin kommen. Nach Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar kamen bis zu 10.000 Menschen pro Tag in Berlin an. Mittlerweile sind es Hunderte täglich. Immer öfter entscheiden daher die Berliner Behörden, Dienstleistungen und Angebote zu reduzieren. Das passiert oft gegen den Willen der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die die Geflüchteten nach der Ankunft am Hauptbahnhof, am Südkreuz und am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) unterstützen.

Zuletzt sind am ZOB drei der fünf Zelte, die als ‘Arrival Center’ für Geflüchtete dienten, abgebaut worden. Das Team des Centers, das aus ehrenamtlichen Helfern und Maltesern besteht, arbeitete bis vor sechs Wochen in der Wartehalle am ZOB, bevor die BVG es zum Auszug aufforderte. Seitdem boten zwei Zelte Schlafplätze für Geflüchtete, ein Zelt diente als Kinderzentrum mit Spielecke und einem Fernseher, im vierten befand sich ein Stand mit SIM-Karten und im fünften wurden Essen und gelgerte S. Zuständig dafür ist die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

In der Verwaltung ist man der Meinung, nicht jedes der fünf Zelte werde noch gebraucht, da die Zahl der ankommenden Geflüchteten zurückgegangen sei. Der Pressesprecher der Verwaltung, Stefan Strauß, berichtet von 50 bis 150 Menschen, die täglich in Berlin aus der Ukraine ankommen. Und sagt: „Der ZOB ist ein Ankunftsort, kein Platz zum Aufenthalt.”

Helferin sagt: Der Senat habe nicht die „echten Zahlen” für Ankünfte am ZOB

Eine Freiwillige, die trotz sinkender Zahlen immer noch viel am ZOB hilft, sieht das anders. Sie, die anonym bleiben will, hatte sich bei der Berliner Zeitung gemeldet, weil der Frust bei ihr und in ihrem ehrenamtlichen Team am ZOB groß ist. Von den fünf Zelten sind nur noch eines für Catering und ein weiteres mit Schlafplätzen für bis zu zwölf Menschen geblieben. Auch den SIM-Kartenstand gibt es nicht mehr.

Die Helferin sagt, der Senat habe seine Entscheidung für den Rückbau nicht auf die „echten Zahlen” gestützt, die vor Ort am ZOB zu beobachten sind. „Wir bekommen immer die Listen von Flixbus, da kommen durchschnittlich 150 Menschen am Tag, und dann kommen noch die ungeplanten Busse und Privatbusse dazu“, sagt sie. Außerdem führen jetzt vom ZOB täglich zwei oder drei Busse zurück in die Ukraine. Diese Menschen wolle man auch mit Essen und Trinken für die Reise versorgen.

imago/Stefan Zeitz

Anfang März nimmt eine Helferin Spenden für ukrainische Geflüchtete am ZOB. Seitdem ist die Spendenbereitschaft deutlich gesunken, statt fünf Zelten im „Arrival Center“ gibt es nur noch zwei.

Die Helferin und ihr Team sahen sich vor dem Abbau der drei Zelte am vergangenen Mittwoch vor die „moralisch schwierige” Entscheidung gestellt, was sie mit den verbleibenden Zelten machen sollen. Man habe im wöchentlichen Treffen mit Vertretern der Sozialverwaltung den Wunsch geäußert, die Anzahl der Zelte nur auf drei statt zwei zu reduzieren, um ein Familienzelt mit Kinderecke weiterzubetreiben. „Wir haben das an den Senat kommuniziert, aber es wurde nie richtig angehört“, so die Helferin.

Am vergangenen Freitag letzter Woche habe ein anonymer Spender angeboten, ein drittes Zelt am ZOB zu finanzieren. Eine Genehmigung dafür sei aber vom Senat abgelehnt worden. „Die am ZOB vorhandenen Strukturen sind bei den gesunkenen Ankunftszahlen an diesem Ort völlig ausreichend“, hieß es dazu aus der Sozialverwaltung.

Sprecher Stefan Strauß betont in seiner Mitteilung, dass die Umverteilung der ukrainischen Geflüchteten in andere Bundesländer notwendig sei: „Nicht alle Geflüchteten können in Berlin bleiben.“ Nur durch eine Zusammenarbeit mit anderen Bundesländern könne man den Geflüchteten ein „deutlich besseres Integrationsangebot“ machen. Strauß verteidigt das aktuelle System in Berlin. Geflüchtete werden mit Bussen der BVG zum Ankunftszentrum im Tegeler Flughafen gebracht, bevor sie registriert und in andere Bundesländer umverteilt werden können.

Viele Geflüchtete wollen nicht nach Tegel

Das sei ein Wunsch, der der Realität nicht entspreche, sagt die Helferin am ZOB. Zum einen reise der Großteil der Geflüchteten, die am ZOB ankommen, selbstständig innerhalb von wenigen Stunden weiter in andere Städte; für diese Reisen seien die Tickets meist bereits gebucht. Für diese Geflüchteten sei es „sinnlos“, nach Tegel zu fahren und sich dort registrieren zu lassen, so die Helferin – deswegen wolle man diesen Menschen weiterhin einen Schlafplatz anbieten können. Durch den Abbau der drei Zelte am ZOB wäre das aber nicht mehr für alle möglich – ein „Worst-Case-Szenario“.

Viele Geflüchtete wollten zudem nicht nach Tegel in das Ankunftszentrum, berichtet die Helferin, es handele sich um ein Wahrnehmungsproblem. „Wir wünschen uns, dass es in der zuständigen Senatsstelle ankommt, dass wir es nicht vermeiden können, dass die Leute hier schlafen”, sagt die Helferin am ZOB. „Man kann die Geflüchteten nicht zwingen, sich in einen Bus nach Tegel zu setzen.”

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