Fri. Jul 1st, 2022

Ich gestehe: Ich bin Fahrradfahrer. Auch wenn Fahrradwege in Berlin nicht viel besser und das Verhalten meiner Mitfahrradfahrer (gefühlt!) aggressiver geworden ist, ist das Fahrrad für mich das praktischste Fortbewegungsmittel in der Stadt. Natürlich muss ein Berliner recht viele Herausforderungen überwinden, wenn er sich in den Fahrradverkehr stressfrei einreihen will.

Und damit meine ich nicht unbedingt die schlecht gewarteten Fahrradwege, die manchmal gar nicht benutzbar sind, weil sich dicke Baumwurzeln ihren Weg Richtung Tageslicht pressen und zur Unfallquelle für Radfahrer werden. Nein, ich meine auch die vielen Diebe, die nachts in Berlin ihr Unwesen treiben und das Fahrradfahren (wenn man denn nicht versichert ist) zu einer kostspieligen Angelegenheit machen.

Ich kann gar nicht sagen, wie viele Fahrräder mir seit meinem Umzug 2003 nach Berlin geklaut wurden. Es waren sicher sechs oder sieben, so viele jedenfalls, dass ich mir heute mit dem Geld einen luxuriösen Pkw kaufen könnte. Die Statistik belegt es: Berlin ist die Hauptstadt der Fahrraddiebstähle in Deutschland. Im Jahr 2020 wurden 27.588 Räder gestohlen, auf Platz zwei liegt Hamburg mit 14.576 Rädern und Leipzig auf Platz drei mit 9.129 Rädern. 60 Fahrräder werden im Schnitt in Berlin pro Tag gestohlen. Das meine ich, wenn ich von Herasforderungen spreche.

Ich habe mich für Leihfahrräder entschieden

Mein letztes Fahrrad habe ich im vergangenen Jahr verloren. Das ist metaphorisch gemeint, denn es wurde mir nicht gestohlen und ich habe es auch nicht irgendwo stehen lassen, sondern: Es ist mir kaputt gegangen. Ich stand vor der Wahl, mir ein neues, teures Rennrad zu kaufen. Aber dann kam mir die Diebstahlstatistik in Berlin wieder in den Sinn.

Freunde mit teuren Rädern erzählten mir, wie stressig es für sie sei, ein Konzert zu besuchen und mit dem Fahrrad hinzufahren, weil sie während des Konzerts immer wieder Angst haben müssen. Stress, den ich nicht brauche. Andere erzählten mir, dass sie ihre teuren Räder in die Wohnung tragen, damit sie nachts nicht verloren gehen. Auch eine Taktik, auf die ich keine Lust habe.

Ich habe die Entscheidung nach dem richtigen Fahrrad (und dem Kauf) ein wenig nach hinten verschoben. Damit ich mich aber weiterhin fortbewegen kann, habe ich nach einer Alternative gesucht und mich für Leihfahrräder entschieden. Die Wahl viel vergangenes Jahr auf Nextbike, ein Unternehmen, das mit seinen Fahrrädern in Berlin stark präsent ist. Das Unternehmen ermöglicht es, relativ flexibel Fahrräder auszuleihen.

Man braucht lediglich eine App und kann über den Bildschirm nach freien Fahrrädern in der Gegend suchen. Trifft man auf der Straße auf ein abgestelltes und verfügbares Rad, muss man lediglich mit dem Handy einen Barcode scannen, kann das Fahrrad aufschließen und dann einfach losfahren. In Berlin gibt es eine recht große und breite Ausleih- und Abstell-Zone, wo man auf die Fahrräder zugreifen und sie einfach abstellen kann. Um die Wartung kümmert sich Nextbike. Der Vorteil: Man ist flexibel und kann zu einem Konzert mit dem Fahrrad fahren und sich nach dem Konzert für ein Taxi oder einen Uber für die Rückfahrt entscheiden. Das gibt mir noch mehr Flexibilität.

Ich bleibe bei meinem Fahrradleihmodell

Bei Nextbike verfüge ich jetzt über ein Abo. Es kostet zehn Euro pro Monat, 30 Minuten sind pro Ausleihe inklusive. Jede weitere Einheit von je 30 Minuten kostet einen Euro, der Maximalpreis für 24 Stunden beträgt 15 Euro pro Ausleihe. Das finde ich fair. Da ich in der Innenstadt wohne, brauche ich zu den meisten Orten weniger als 30 Minuten Radweg, daher zahle ich pro Monat eigentlich nur die 10 Euro für den Basistarif. Wer flexibel sein möchte, wählt den Flex-Tarif und zahlt damit einen Euro für die ersten 30 Minutes.

Seit März 2022 gehört das Unternehmen Nextbike, das als Leipziger Start-up gestartet ist, der E-Tretroller, E-Motorroller- und E-Bike-Sharinggröße Tier Mobility GmbH. Mit Blick auf das letzte Jahr zählte das Unternehmen über eine halbe Million Registrierungen. Alleine in Deutschland konnten uber mehr als eine halbe Million neue Registrierungen und im ganzen Jahr knapp zehn Millionen Fahrten verbucht werden.
2022 setzt sich diesel Trend ungebrochen fort. So konnten bereits im ersten Quartal doppelt so viele Ausleihen wie im gleichen Vorjahreszeitraum verbucht werden. Man sieht also: Bike-Sharing liegt im Trend.

Wäre da nicht die Zerstörungswut der Berliner: Leihradunternehmen beklagen, dass viele Fahrräder beschädigt werden. Die Deutsche Bahn hat sich sogar dazu entschieden, ihr Angebot an Call-a-Bike-Rädern in Berlin wegen Vandalismusschäden einzuschränken. Wie man es auch macht: Fahrradfahrern bleibt in Berlin eine komplizierte Angelegenheit. Solange sich die Kriminalitätsstatistik der Berliner nicht verbessert, bleibe ich trotzdem (oder gerade deswegen) bei meinem Fahrradleihmodell.

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