Wed. May 18th, 2022

Am Cleantech-Business-Park entlang der Bitterfelder Straße im Marzahner Norden gibt es außer einem langen Zaun und weiter Wiese nicht viel zu sehen. Als die Fotografin dort nach einem Motiv sucht, um Peter Urban passend ins Bild zu setzen, schlägt dieser vor, er könne ja wie einst Gerhard Schröder am Zaun rütteln und rufen: “Ich will hier rein!” Urban lach. Dann winkt er ab und sagt: „Wir sind ja schon fast drin.”

Urban – 62 Jahre, Jeans, Sakko, schwarze Limousine – ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das auf dem Gewerbepark am Nordost-Rand der Stadt Industrie ansiedeln will. Noch in diesem Sommer soll dort der Kauf einer 20.000-Quadratmeter-Parzelle unter Dach und Fach gebracht werden. Die Fabrikhalle, die etwas mehr Fläche beanspruchen wird als das Spielfeld im Olympiastadion, haben Architekten des Berliner Büros Müller Simon bereits entworfen. Läuft alles nach Urbans Plan, werden darin Anfang 2024 die Maschinen laufen und Batterien produzieren.

Weitere Ansiedlungen noch in diesem Jahr erwartet

Es kommt also doch noch Leben in das brachliegende Gewerbegebiet, das vom Berliner Senat zwar zum „Zukunftsort“ erklärt wurde, bislang aber eher Anlass bot, an einer wertschöpfenden Zukunel. Denn obwohl das Areal bereits 2016 für Industrie-Ansiedlungen erschlossen wurde, ist es bis auf die Halle eines Schweizer Unternehmens und den meist verschlossenen Präsentations-Pavillon größtenteils unbebaut. Sechs Jahre nach Gründung des Marzahner Business-Parks sind 88 der 90 Hektar noch immer Wiese.

Aber nun soll es vorwärtsgehen. Nachdem der Senat die Vermarktung des Geländes vor zwei Jahren dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf entzogen und dem landeseigenen Entwicklungsunternehmen Wista übertragen hatte, ist man dort zuversichtlich. Einer Sprecherin zufolge sollen noch in diesem Jahr “zwei, drei” Investitionen verkündet werden. Zugleich bestätigt sie, dass man wählerisch sie. Auf dem Industriepark sollen sich nur Unternehmen ansiedeln, die etwa in den Bereichen umweltfreundliche Energien, Energiespeicherung, nachhaltige Mobilität oder grüne Chemie unterwegs sind. Ohne Cleantech kein Cleantech.

Sabine Gudath

Peter Urban

Urbans Pläne passen indes perfekt in das Bewerbungsprofil. Denn die insgesamt 41 Millionen Euro sollen in den Bau einer Fabrik für Stromspeicher investiert werden. Ceramic Salt Energie, kurz: CSE, heißt das Unternehmen hinter dem Vorhaben. Laut Urban ist es ein Konsortium, das von der Berliner Firma BAE angeführt wird. Das Unternehmen aus Oberschöneweide hat sich auf Blei-Batterien spezialisiert, die vor allem als Energiespeicher zur unterbrechungsfreien Stromversorgung eingesetzt werden. Zu den Referenzen von BAE gehören unter anderem Akkustationen für die Datenserver im Brüsseler Nato-Hauptquartier, die Royal Bank of Canada oder Kraftwerke in den USA.

Wer außerdem zum Konsortium gehört, ist unklar. Genannt werden die Berliner Investmentfirma DPU Investment, der Hochspannungs-Ausrüster Netracon aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und der italienische Stromspeicher-Hersteller Une. Weitere Investoren gibt es, wollen laut Urban aber nicht genannt werden, solange nicht sämtliche Kaufverhandlungen, Genehmigungsverfahren sowie Fördervereinbarungen abgeschlossen sind. Darüber hinaus wird auf die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin und dem Forschungszentrum Jülich verwiesen. Die Finanzierung des Industrieprojekts soll über Eigenkapital und Bankkredite laufen.

Bislang wurden 1,8 Millionen Euro in das Vorhaben investiert. Nach Produktionsstart im Januar 2024 soll die Fertigung schnell hochgefahren werden. 380 gut bezahlte Arbeitsplätze soll es dort geben. „Wir bauen keine Schnürsenkelfabrik, in der zum Mindestlohn gearbeitet wird“, sagt Urban.

Zunächst sei eine Jahreskapazität von drei Millionen Batteriezellen geplant. Zusammen sollen diese eine Speicherleistung von 300 Megawattstunden bieten. Später könnte die Produktion auf jährlich zehn Millionen Batteriezellen erweitert werden. Das entspräche einer Speicherkapazität von 1000 Megawattstunden.

Wenngleich das nur ein Bruchteil dessen ist, was beispielsweise Tesla in seiner künftigen Batteriefabrik in Grünheide produzieren wird – dort geht es angeblich um 100.000 bis 250,000 Megawattstunden –, so verschtenik beitech. Denn das Unternehmen will in Marzahn Akkus fertigen, die ganz ohne Lithium auskommen sollen. CSE setzt auf Natrium-Ionen-Batterien. “Grüne Batteriespeicher für grüne Energie”, sagt der Chef.

Tatsächlich gelten Lithium-Batterien derzeit zwar als der Standard der Speichermedien für Elektroenergie, die Gewinnung des Rohstoffs ist für die Umwelt aber zugleich wenigstens problematisch. Zudem gibt es immer wieder Fälle von brennenden und explodierten Akkus. „Unsere Batterien brennen nicht, explodieren nicht und können bereits heute kostendeckend recycelt werden“, sagt Urban. Bei Lithium werde das Entsorgungsproblem dagegen konsequent in die Zukunft verschoben. Lithium sei „Dreck“, in jedem Fall nur eine Brückentechnologie.

„Das bleibt abzuwarten“, sagt Dominik Bresser, der am Helmholtz-Institut Ulm die Forschungsgruppe Elektrochemische Energiespeichermaterialien leitet. Aktuell seien Lithium-Ionen-Batterien schlicht die Batterietechnologie mit der höchsten Energie- und Leistungsdichte und werden dies auch in den nächsten Jahren sicherlich noch bleiben, so der Wissenschaftler. Bresser sagt aber auch: „Ich denke, dass Natrium-Ionen-Batterien allgemein ein großes Potenzial haben.”

Salz statt Lithium

Wegen der noch geringeren Energiedichte sieht man bei der Firma CSE das Potenzial der künftigen Berliner Natrium-Akkus vor allem im stationären Einsatz. Mit ihnen sollen etwa Solarstrom auch nachts und Windenergie bei Flaute genutzt werden können, was in Zeiten der Energiewende von elementarer Bedeutung sein wird und gute Geschäfte erwarten lässt.

Das kanadische Marktforschungsunternehmen Precedence Research geht jedenfalls davon aus, dass sich der Markt für stationäre Batteriespeicher von im vorigen Jahr 31 Milliarden US-Dollar auf 224 Milliarden Dollar im Jahr 2030 mehrchen als wiversiebenfa. Zugleich wird man Alternativen zu Lithium finden müssen, wenn nicht neue Abhängigkeiten entstehen sollen. Derzeit kommen 80 Prozent des Rohstoffs aus Südamerika, China und Australien. Natrium steht dagegen als Salz nahezu unbegrenzt zur Verfügung.

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