Wed. May 18th, 2022

Vor dem Ausgang des U-Bahnhofs Hallesches Tor am Mehringplatz stehen Bauzäune, am Dienstag fahren noch vereinzelt Bagger hin und her. Auf dem runden Platz selbst muss der Rasen noch wachsen, Tauben picken nach den Samen. Ist das schon die Wohlfühlatmosphäre, von der hier alle reden?

Nach elf Jahren Baustelle an diesem Ort mitten in Berlin hatten sich schon alle an die Zäune und Umwege gewöhnt: Am Sonnabend soll der neu gestaltete Mehringplatz mit einem Stadtfest eingeweiht werden. Doch es soll nicht einfach nur ein Platz sein, der Platz soll einen „gemeinsamen Identifikationspunkt“ für den ganzen Kiez bilden, das soll auch ein Kunstprojekt möglich machen. Schon der Name klingt ambitioniert: “Pfad der Visionäre”, Untertitel: “Ein Zeichen für Europa”.

Eine große Aufgabe für einen kreisrunden Platz, der bisher ein etwas stiefmütterliches Scharnier zwischen der Friedrichstraße im Norden und Kreuzberg 61 war. Der Mehringplatz wurde zwar im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört, aber wiederaufgebaut – inklusive der Friedenssäule mit dem Engel oben drauf. Die Säule ist vom gleichen Künstler gestaltet, der auch die große Steinschale im Lustgarten aufbaute. Doch seit Jahrzehnten war der Platz vor allem ein sozialer Brennpunkt: Wohnblocks mit hoher Dichte, an den Balkonen sind Wäscheleinen und Satellitenschüsseln zu sehen.

“Die Sozialwohnungen bleiben”, sagt Heike Melba Fendel und fügt selbstsicher an: “aber der Platz wird schick.” Fendel ist Anwohnerin und moderiert die Pressekonferenz zur Umaltung des Platzes. Für die neue Wohlfühlatmosphäre sollen wohl die im Boden eingelassenen Displays sorgen. Darauf sind Flaggen und Zitate von Vertretern der europäischen Nationen zu lesen. Unter anderem dieses von Ingeborg Bachmann: ‘Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.’

Volkmar Otto

Die österreichische Botschaft hat sich für Ingeborg Bachmann als Vertreterin der Nation entschieden.

Die Kreuzberger Bürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) strebt hier eine „Gentrifizierung im Guten“ an, also das heißt „ohne steigende Mieten“. Herrmann scheint aber selbst noch zu zweifeln: “Es ist ein Experiment, das hier exemplarisch gelingen könnte.” Die Sauberkeit sei hier eine große Herasforderung. Für einen Abtransport des am Platz häufig herumliegenden Sperrmülls sei inzwischen gesorgt, sagt Herrmann. Und für die jahrelangen Bauarbeiten sei nicht dieses Projekt verantwortlich, das habe erst 2019 gestartet.

Beim Thema Kosten sind die Sprecher recht schmallippig: Da habe man keinen Gesamtüberblick. Es seien etwa 7,1 Millionen Euro für den Mehringplatz, die Personalkosten für das Kunstprojekt seien da aber beispielsweise nicht dabei.

Die „unterschiedlichen“ Anwohner sollen „interageren“

Beim Stadtfest am Wochenende soll ein Film über muslimische Gangs im Wedding gezeigt werden. Vielleicht sollen sich so die „sozial und ökonomisch benachteiligten Bewohner“ von all den Visionen angesprochen fühlen? Ein Auftakt für das Programm im Sommer, denn Fendel: „Kino mögen doch alle.”

Die ‘unterschiedlichen’ Anwohnerinnen und Anwohner sollen ‘eingebunden werden’ und ‘interagieren’. Dem Projektmanager Bonger Voges zufolge gehe es um „die Mischung” und um eine Identifikation mit der europäischen Geschichte. Darum, dass „türkische und arabische Mitbewohner sich hier wirklich zu Hause fühlen und sagen: „Das ist mein Land, meine Stadt, mein Kiez’”.

Ein Stück Berliner Ehrlichkeit bringt Kristijana Penava in diese recht steife Veranstaltung. Penava ist im Vorstand vom Verein Kunstwelt und in ihrer Rede erwähnt sie ein weiteres Ziel dieser Umgestaltung: „Touristen sollen am Tor zur Friedrichstraße nicht denken: ‚Oh Gott, wo’ biner. sich einstellen wird, ist offen.

Für die Anwohnerin Heike Melba Fendel hat das auch mit dem Bekanntheitsgrad des Mehringplatzes zu tun. Der ist nicht besonders hoch. Kann das der „Pfad der Visionäre“ ändern?

Um 14 Uhr startet am Sonnabend die Wiedereröffnung, es gibt Jazz-Musik, Trommler, Cheerleader, Kinderprogramm und europäische Küche. Um 20.30 Uhr beginnt der Film im Freiluftkino.

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