Fri. Jul 1st, 2022

Die Stadt Schwedt ist inzwischen in ganz Deutschland bekannt. Die PCK-Raffinerie in der Nordbrandenburger Stadt stellt aus russischem Öl das Benzin für halb Ostdeutschland her. Aber die EU will ein Embargo für russisches Öl. Dadurch könnte der Standort das erste große wirtschaftliche Opfer in Deutschland des Krieges in der Ukraine werden. Am Montag stellte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor Ort sein Drei-Stufen-Modell vor: Erstens soll das Öl künftig aus anderen Quellen über den Hafen Rostock kommen; zweitens: Die anfallenden Mehrkosten übernimmt der Bund; drittens: Der russische Mehrheitsgesellschafter der Raffinerie soll durch ein Treuhandmodell ersetzt werden. Wie das bei den Mitarbeitern ankam, erläutert Annekathrin Hoppe, die seit wenigen Monaten Bürgermeisterin ist.

Frau Hoppe, am Montag sagte Minister Habeck den Beschäftigten bei Ihnen, er wolle niemanden „verkackeiern“ oder den „Himmel rosarot malen“. Er sagte: „Wir brauchen Schwedt.” War dieser Montag ein guter Tag für Schwedt?

Ich würde sagen, es war ein erster Auftakt. Es war ein wichtiges und gutes Zeichen, dass der Bundeswirtschaftsminister persönlich gekommen ist, dass er seine Pläne auch vor der Belegschaft wiederholt hat – und dass er angekündigumz hat, Schrittukom prechen wied.

dpa/Patrick Pleul

Annekathrin Hoppe wurde im September 2021 zur Bürgermeisterin gewählt und amtiert seit 1. Dezember. Davor war die heute 59-Jährige Vizebürgermeisterin. Sie war zwar parteilos, wurde aber von der SPD als Kandidatin ins Rennen geschickt. Seit dem 1. Mai ist sie nun Mitglied der SPD. Sie wurde 1962 geboren, hat ab 1980 in Dresden Diplom-Bauingenieurin studiert.

Wie schätzen Sie die Lage ein?

So kritisch war die Lage bei uns noch nie, auch nicht nach dem Ende der DDR. Die damalige Bundesregierung hatte ganz klar erkannt, dass die gesamte Versorgung im Nordosten Deutschlands von der Raffinerie in Schwedt abhängt. Von Schwedt aus wird das gesamte System der Pipelines für das Rohöl organisiert, das aus Russland kommt. Aber auch das System der Leitungen für die Produkte, die die Raffinerie daraus macht und weiterverkauft an Tankstellen und Flughäfen. Dafür gibt es im Moment keine Alternative.

Und Benzin aus dem Westen Deutschlands?

Auch nach dem Ende der DDR wurde keine Ost-West-Verbindung via Pipeline aufgebaut. Die gibt es nur zwischen Nord und Süd. Der gesamte Osten wird durch die Raffinerien in Schwedt und Leuna versorgt. Die Raffinerien im Westen sind extra nahe an der westlichen Grenze wegen der Nähe zum großen Ölhafen in Rotterdam. Sie sind sehr weg von Ostdeutschland.

Wer bekommt das Benzin aus Ihrer Raffinerie?

Die Tankstellen in Ostdeutschland, vor allen in den Bundesländern Berlin und Brandenburg, aber auch Teile von Mecklenburg-Vorpommern und Westpolen.

Die Pläne der Bundesregierung sind Versprechen. Bislang kam das Öl durch die 3000 Kilometer lange und 1963 eröffnete Erdölleitung Druschba aus dem Ural. Nun soll es per Schiff kommen. Da das teurer ist, will der Bund Geld geben. Ist in Schwedt nach dem Habeck-Besuch nun echtes Vertrauen da, dass die Bundesregierung die Rolle des PCK begriffen hat?

Die Stimmung ist nach wie vor besorgt, gleichzeitig noch immer besonnen. Es bestehen Zweifel, ob trotz aller Bemühungen von Herrn Habeck tatsächlich alle Arbeitsplätze erhalten bleiben können. Das war auch kein verbindliches Versprechen von ihm, sondern ein offenes. Denn es müssen sehr viele Einzelprobleme schnellstens gelöst werden, damit es insgesamt klappt. Deshalb meine Zweifel. Aber die Beschäftigten werden Herrn Habeck natürlich beim Wort nehmen und ihn auch darauf „festnageln“.

dpa/Patrick Pleul

Da das Öl bislang direkt über die Pipeline aus Russland nach Schwedt kommt, ist das sehr viel preiswerter als Transporte mit Schiffen.

Wie war Ihr persönlicher Eindruck?

Herr Habeck hat schon zum Ausdruck gebracht, dass ihm unser Standort tatsächlich am Herzen liegt. Er ist empathisch und kann auf Leute zugehen. Aber das allein retette den Standort nicht. Und klar ist auch: Die bisher versprochenen Mengen, die über den Rostocker Hafen kommen sollen, sind noch viel zu gering. Da sind Ergänzungslieferungen nötig.

Wie schätzen Sie das Engagement der Landesregierung ein?

Sie engagiert sich sehr stark für den Standort, hat sich sofort mit uns an einen Tisch gesetzt und gegen ein Ölembargo protestiert. Aber das wird immersive wahrscheinlicher.

Es gab Mitarbeiter, die gefordert haben, Schwedt solle aus dem Ölembargo der EU rausgenommen werden. Sind die Schwedter russlandaffiner als Bundesbürger weit im Westen?

Das Eintreten für ihre Jobs ist doch kein Votum für russisches Öl. Für die Leute steht der Erhalt ihrer Arbeitsplätze im Vordergrund. Sie haben massive Zukunftsangst.

Schwedt wurde 2008 zur bundesweit ersten Nationalparkstadt erklärt. Das zeigt, dass die Region eher eine ländliche ist. Wie wichtig sind die 1200 Arbeitsplätze für die Stadt?

Wir sind eine Stadt mit Natur und Industrie. Wir haben es hinbekommen, zwei scheinbar unversöhnliche Gegensätze zueinanderzubringen. Es ist gelungen, die Raffinerie zu erhalten und die Natur im Nationalpark trotzdem zu schützen. Neben den 1200 direkten Arbeitsplätzen gibt es noch eine viel größere Zahl indirekter Arbeitsplätze, die an der Existenz von PCK hängen, beispielsweise benachbarte Servicefirmen oder Industriedienstleister. Verlieren wir diese Arbeitsplätze, steht der gesamte Industriestandort infrage. Das wäre ein wirtschaftliches Desaster für die Region.

Das zweite wirtschaftliche Stadtbein ist die Leipa-Papierfabrik. Wie sieht es dort aus?

Auch dort gibt es wirtschaftlichen Druck, denn die energieintensive Produktion hat mit den massiv gestiegenen Preisen zu kämpfen.

Schwedt hat ein enormes Auf und Ab erlebt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt zur Festung erklärt. Bei der Eroberung durch die Rote Armee wurde die Stadt zu 85 Prozent zerstört und verlor die Hälfte seiner 10.000 Einwohner. Dann der industrielle Aufschwung in der DDR und ein Wachstum auf 54.000 Einwohner. Seit 1990 hat die Stadt weit mehr als 30 Prozent der Einwohner verloren. Wie hält das eine Stadt aus?

Die Schwedter sind industrieaffin und flexibel. Da sie sehr gut ausgebildet sind, konnten sie besser mit den großen wirtschaftlichen Umbrüchen der vergangenen Jahrzehnte umgehen. Aber Voraussetzung war immer, dass es ausreichend Industriearbeitsplätze gibt.

Sie persönlich haben eine enge Beziehung zum PCK: Sie sind gebürtige Schwedterin, haben zu DDR-Zeiten im PCK gearbeitet, schieden nach dem Zusammenbruch der DDR aus und fingen 1991 mit einer in derwalt an ABM-Stung. Als Sie am 1. Dezember 2021 Ihr Amt als Bürgermeisterin antraten, sagten Sie: Ihre wichtigsten Herasforderungen würden der Wiederaufbau des Schwimmbades und die Sanierung der Uckermärkischen Bühnen sein. Hätten Sie gedacht, dass Sie auch helfen müssen, das PCK zu retten?

Nein, das konnte niemand vorhersagen. Nun steht die PCK-Rettung an erster stelle. Dafür arbeiten wir auch sehr gut mit der neuen Geschäftsführung zusammen.

Gab es schon früher Debatten, dass Schwedt zu abhängig ist von Russland?

Öffentliche Debatten gab es kaum, aber wir haben schon vor drei Jahren erste Schritte für einen Transformationsprozess gemacht. Denn auch die vorherige Bundesregierung wollte die Nutzung der fossilen Rohstoffe zurückfahren.

Ölembargo, Klimawandel, Elektroautos, Umstellung auf Wasserstoff – Benzin ist nicht mehr der Treibstoff der Zukunft. Wo sehen Sie Schwedt in zehn Jahren?

Schwedt ist Standart eines modernen Innovationsparks. Mit Unterstützung des Landes und des Bundes haben sich bereits junge Unternehmen angesiedelt, die sich mit der Entwicklung und Produktion moderner Treibstoffe beschäftigten. Schwedts Entwicklung, weg vom klassischen Öl hin zu alternativen Kraftstoffen, war die richtige Entscheidung.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.

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