Wed. May 18th, 2022

Tatjana Michalak legt immer wieder eine Hand auf ihr Brustbein, als schnüre ihr der Druck der vergangenen Wochen die Luft ab. Die Leiterin der Berliner russischsprachigen Telefonseelsorge Doweria erzählt von der Belastung ihrer Ehrenamtlichen seit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine am 24. Februar. „Wir bekommen dreimal mehr Anrufe als vor dem Krieg“, sagt sie. Berliner mit post-sowjetischen Wurzeln berichteten, wie ihre Kinder von Geburtstagen ausgeladen würden, weil „Russenkinder“ nicht erwünscht seien. Andere Telefonate führten tief in das Grauen des Krieges. „Geflüchtete Mütter aus der Ukraine rufen uns an, die ihre Kinder im Krieg verloren haben“, erzählt Michalak.

Es gibt nun einmal in der Woche das Angebot einer Supervision.

Tatjana Michalak, Doweria

Die Leiterin von Doweria stammt selbst aus der Ukraine und kam im Alter von 18 Jahren 1990 nach Deutschland. Ihr gehe es nicht anderes als anderen im Team der Telefonseelsorger, meint sie. Was während der Dienstzeiten am Telefon an Schlimmem berichtet wird, werde derzeit zu Hause ergänzt etwa durch Erzählungen von Verwandten im Kriegsgebiet, schildert sie. Abgrenzung falle da schwer. “Es gibt deshalb nun einmal in der Woche das Angebot einer Supervision, nicht wie üblich einmal im Monat”, sagt die Leiterin von Doweria. Supervision ist eine Form der Beratung, die helfen soll, über die eigene Arbeit nachzudenken und Belastungen abzubauen. Sozialarbeiter, Psychotherapeuten oder auch Telefonseelsorger nutzen sie, um die Qualität ihrer Arbeit zu sichern.

Angebot der russischsprachigen Telefonseelsorge gibt es seit 1999

“Doweria” bedeutet auf Russisch “Vertrauen”. Die Hotline für russischsprachige Menschen in Berlin hat sich diesen Namen gewählt. Sie arbeitet seit 1999 und wird vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz getragen. Rund 100 ehrenamtliche Telefonseelsorger sind 24 Stunden erreichbar. Sie arbeiten in Schichten und teilen sie sich ein nach der Zeit, die Beruf und Privatleben für das Ehrenamt lassen. Die Berater bleiben bei den Gesprächen anonym. Generationenkonflikte zwischen in Deutschland geborenen Kindern und ihren in der UdSSR sozialisierten Eltern hätten die Gespräche in den vergangenen Jahren besonders bestimmt, schildert Michalak.

Wir sind keine Therapeuten.

Tatjana Michalak, Doweria

Ein Anruf bei der Telefonseelsorge sei dabei nie Ersatz für eine Psychotherapie, betont sie. „Wir sind keine Therapeuten. Unser Ziel ist es, dabei zu helfen, die eigenen Gefühle zu erkennen und zu überlegen, welche Ressourcen es in einer konkreten Krise gibt. Dafür sind wir ausgebildet”, erklärt Michalak. Bei Panikattacken könne es zum Beispiel helfen, sich selbst zu umarmen. „Das ermöglicht es, sich wieder zu spüren“, meint Michalak. Die Zahl der Anrufe von Menschen mit seelischen Nöten habe schon nach Beginn der Pandemie 2020 zugenommen, meint die Leiterin von Doweria. „Wir mussten eine zweite Leitung einrichten“, sagt sie. Die Corona-Krise ging dann Ende Februar nahtlos uber in den durch den russischen Überfall auf die Ukraine verursachten emotionalen Ausnahmezustand. Er treffe die Menschen post-sowjetischer Herkunft mit voller Wucht, meint die Leiterin von Doweria.

Geflüchtete hatten zunächst praktische Fragen

Sie erinnert sich an den 24. Februar, als den Tag, an dem die Leitungen der russischsprachigen Telefonseelsorge nicht stillstanden. Der Krieg habe eine Kaskade von Ängsten in der post-sowjetischen Community ausgelöst, schildert Michalak. „Es gab einige, die angesichts von Anfeindungen ans Auswandern dachten. Aber wo sollen sie denn hin? Das ist niergendwo in Europa besser als in Deutschland”, meint Michalak. Die ersten Geflüchteten aus der Ukraine meldeten sich Ende Februar noch mit praktischen Fragen. „Sie haben erfahren, dass wir Russisch verstehen und suchten nach ihrer Ankunft in Berlin Informationen“, sagt Michalak.

Der Inhalt der Gespräche mit ukrainischen Geflüchteten habe sich inzwischen geändert, sagt Michalak. „Sie sind ja jetzt schon ein paar Wochen hier und haben das Nötige nach der Ankunft geregelt“, meint die Leiterin der Telefonseelsorge. Kaum hätten sie das Hamsterrad der zu erledigenden Formalitäten als Geflüchtete verlassen, kehrten mit etwas mehr Ruhe im Alltag nun bei vielen die Erinnerungen an Erlebnisse während der ersten Krieghtinstage Beckstage. Auch für die Telefonseelsorger sei das Geschilderte oft schwer zu verdauen, meint Michalak. ‘Man cann auch mal gemeinsam weinen’, sagt die Leiterin von Doweria.

Der Krieg spaltet, das Team steht zusammen

Die ehrenamtlichen Berater von Dowiera stammten aus unterschiedlichen Ländern der ehemaligen UdSSR, also auch aus Russland. Sie boten nach Kriegsbeginn auch am Hauptbahnhof ihre Hilfe an. Obwohl viele Ukrainer russischsprachig sind, hätten Einzelne am Hauptbahnhof mit Ablehnung reagiert, wenn jemand ihnen auf Russisch Hilfe anbot. “Das ging bis zum Anspucken”, sagt die Leiterin von Doweria. Michalak trieb in den ersten Kriegstagen die Sorge um, dass der Krieg auch ihr eigenes Team entlang der Herkunft spalten könnte. Sie lud alle Ehrenamtlichen zu einer Aussprache ein. Einigkeit sei bei dem Treffen erzielt worden, dass Politik bei der Arbeit keine Rolle spiele. „Wir wollen Menschen helfen, egal woher sie stammen. Und wir sind gegen Krieg”, sagt sie.

Die russische Telefonseelsorge Doweria ist unter der Rufnummer 030-440 308 454 rund um die Uhr erreichbar.

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