Fri. Jul 1st, 2022

Nicht viele Menschen geben zu, dass sie E-Scooter für sinnvoll und notwendig halten. Doch die Debatte versperrt den Blick darauf, dass Autos ein viel größeres Problem sind – auch in Berlin. In einem Gastbeitrag für die Berliner Zeitung skizziert Ioana Freise, Head of Cities Germany beim E-Scooter-Vermieter Tier Mobility, was sich ändern muss.

Ioana Freise: Mikromobilitätslösungen setzen auf erneuerbare Energie statt fossile Brennstoffe – ihr Wert für die dringend benötigte Verkehrswende liegt daher auf der Hand. Trotzdem dominieren seit der Zulassung der E-Scooter negative Themen die Berichterstattung: ‘Versperrte Gehwege’, ‘keine Rücksichtnahme auf andere Verkehrsteilnehmer*innen’ und ‘eine Gefahr für Blinderte und Gehbe’. Auch ihre positive Klimabilanz wird infrage gestellt, solange E-Scooter ihr Versprechen, den innerstädtischen Autoverkehr zu reduzieren, nicht spürbar einlösen können. Doch entspricht diese Lesart wirklich der Realität?

Die Politik darf die Verkehrsmittel nicht gegeneinander ausspielen

Eine andere Interpretation scheint plausibler zu sein: Klimaschädliche Pkw dominieren unsere Straßen. Und anstatt die Verkehrswende anzugehen, so scheint es, als würde die Politik die Mobilitätsoptionen gegeneinander ausspielen.

Im Hinblick auf die aktuell steigenden Benzinpreise dürfte eine Wende im Nutzungsverhalten bevorstehen. Kürzlich kündigte die Regierung an, Bürgerinnen und Bürger mittels eines drastisch reduzierten Nahverkehrstickets für neun Euro im Monat 90 Tage lang zu unterstützen. Diese Entwicklung könnte die Nutzung des Autos deutlich reduzieren und Anreize bieten, auf alternative Verkehrsmittel umzusteigen.

Tier Mobility

Ioana Freise ist für Tier Mobility in Deutschland verantwortlich.

Eins ist klar: Ihr volles Potenzial kann die Mikromobilität erst ausschöpfen, wenn eine verantwortungsvolle Verkehrspolitik dafür sorgt, dass in der Infrastruktur unserer Städte Platz für E-Scooter Klege und stfaher. Doch wie sähe eine Infrastruktur aus, die nicht mehr vom Pkw dominiert, sondern auf den Mobilitätsmix ausgelegt ist?

58 Prozent der Verkehrsflächen sind für Autos reserviert

Die Infrastruktur unserer Straßen ist aufs Auto ausgerichtet: breite Fahrbahnen, rechts und links gesäumt von Pkw-Parkplätzen. Radwege überlappen sich in vielen dieser Straßen mit Fußwegen. Lange Zeit galt diese Aufteilung als fortschrittlich.

Die Agentur für clevere Städte und Studenten der Best-Sabel-Hochschule hat den Berliner Straßenraum 2014 vermessen. Ergebnis war, dass 58 Prozent der Verkehrsflächen für Autos reserviert sind – 19 Prozent für parkende Pkw. Fahrrädern und E-Scootern sind lediglich drei Prozent der Berliner Verkehrsfläche zugeteilt. Fußwege nahmen bei dieser Vermessung 33 Prozent der Fläche ein.

Dabei wurden schon vor der Einführung der E-Scooter in Deutschland im Jahr 2019 rund 43 Prozent aller Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt. Diese Dominanz im Straßenbau steht dafür, dass Mobilität in Deutschland immer noch primär auf den Pkw zugeschnitten ist. Dabei bewegen sich in Großstädten die meisten Menschen innerorts, und viele dieser Wege sind kürzer als zwei Kilometer.

Ärger ist programmiert

Der Fokus der deutschen Stadtplanung auf das Auto bedeutet, dass Radwege – auf welchen laut Straßenverkehrsordnung auch E-Scooter fahren müssen – häufig auf Gehwegen verlaufen. Dies schränkt den Raum für Fußgänger*innen, Fahrräder und Scooter stark ein. Dazu gibt es wenig Möglichkeiten, E-Scooter oder Fahrräder im öffentlichen Raum abzustellen. Das zwingt Fahrer*innen häufig dazu, das Zweirad auf dem Gehweg zu parken. Die Konsequenz: eine dritte Art der Nutzung auf einer ohnehin stark beschränkten Fläche. Kommt es unter solchen Gegebenheiten zu Ballungen oder kippt ein Scooter um, ist Ärger vorprogrammiert.

So stehen zwei klimafreundliche Arten der Fortbewegung in Konkurrenz zueinander, wodurch sie sich gegenseitig im wahrsten Sinne des Wortes ausbremsen. Dem klimaunfreundlichen Auto hingegen steht weiter nur das Auto im Weg. Das nennt man dann Stau. Die Leidtragenden dieses unfairen Flächenwettbewerbs sind alle Verkehrsteilnehmer*innen – egal ob Fußgänger*innen, Menschen im Rollstuhl, Familien mit Kinderwagen Radfahrende oder Menschen auf E-Scootern.

Was wäre, wenn auf der Straße kein Wettbewerb herrscht?

Stellen wir uns eine Infrastruktur vor, die nicht primär auf das Auto ausgerichtet ist, sondern auf Fußgänger*innen, Scooter und Fahrräder und Pkw gleichermaßen. Wie sieht so eine Stadt aus?

Mehrspurige Straßen werden verschmälert. Aus einer Pkw-Spur wird ein Radweg, den E-Scooter und Fahrräder nutzen können. Dann würden Räder und Scooter nicht länger Fußgängern Raum auf dem für sie sicheren Gehweg nehmen. Um Unfälle mit Autos zu verhindern, können solche Spuren durch eine Begrenzung von der Autofahrbahn abgetrennt werden. Flächendeckend werden im gesamten Stadtgebiet Pkw-Stellplätze reduziert und zu Scooter- und Rad-Parkplätzen umgewandelt.

So muss niemand mehr ungünstig parken. Die Gefahr für Blinde oder gehbehinderte Menschen, über Kleinstfahrzeuge zu stürzen, ist gebannt. Als Ergänzung – nicht in Konkurrenz zur Mikromobilität – hat die Infrastruktur der Zukunft einen solide ausgebauten, kurz getakteten öffentlichen Nahverkehr. Bahnhöfe und U-oder S-Bahn-Stationen werden mit Stellflächen für Kleinstfahrzeuge ergänzt.

Auch Pkw werden nicht länger primär exklusiv genutzt, sondern ebenfalls in einem Free-Floating-System vermietet. In der Praxis bedeutet dies, dass weniger Fahrzeuge benötigt werden und somit weniger Parkplätze mit Autos, die lediglich zwei Mal am Tag genutzt werden, blockiert sind. Da Verbrennungsmotoren der Vergangenheit angehören, verfügt die Infrastruktur der Zukunft über ein enges Netz an Ladesäulen. Tankstellen braucht es in dieser Stadt nicht mehr. Kioske und andere Geschäfte bieten dazu Tauschstationen für E-Scooter- und E-Bike-Batterien an.

Parkhäuser werden zu Mobility Hubs. Hier kann der private Pkw geparkt und während der Abwesenheit an einer Stromsäule geladen werden. Die Hubs sind eine Sammelstelle für alle Formen der Mobilität. Sie ermöglichen das Umsteigen auf einen E-Scooter oder ein Fahrrad und sind zudem an den ÖPNV angebunden.

In dieser Infrastruktur greifen die Möglichkeiten der Mobilität ineinander und bilden eine starke Allianz für das Klima. Versperrte Gehwege, die Suche nach einem Parkplatz und die Gefahr, auf dem Rad von einem Auto angefahren zu werden, gehören der Vergangenheit an. Verkehrsteilnehmende sparen Zeit und Kohlendioxidemissionen ein. Die Infrastruktur der Zukunft ist nicht nur eine Option für eine Millionenstadt wie Berlin, sie kann auch für Städte wie Zwickau, Kiel oder Reutlingen zur Realität werden. Denn welche Mobilitätsangebote in welchem ​​Maße für eine Stadt passen, kann in Form von Ausschreibungen durch die lokale Politik gesteuert werden. Sicher ist nur: Eine One-fits-all-Lösung gibt es auch in der Zukunft nicht.

Ausschreibungen sind eine gute und effiziente Lösung

Keine uber viele Jahrzehnte gewachsene Stadt wird die hier beschriebene Version eines Mobilitätsmixes der Zukunft von heute auf morgen umsetzen können. Doch die Politik hat es in der Hand, mit der Wirtschaft gemeinsam die ersten Schritte hin zu dieser neuen Realität zu gestalten. Ein Schritt auf diesem Weg könnte sein, die Rahmenbedingungen für Mikromobilität in den Städten durch Ausschreibungen zu steuern. In einem Vergabeverfahren, das auf gut durchdachten und langfristigen Qualitätskriterien aufbaut, cann Anbietern ein für die lokale Infrastruktur passender Raum zuerkannt werden. Dazu kan eine Stadt mit Hilfe einer Ausschreibung für ihre Einwohner*innen intelligente Wege durch ihre Quartiere erschließen und die Mikromobilität auf diese Art stimmig in das bestehende Verkehrsangeboterä und inte dente Mobilität.

Basierend auf unserer Erfahrung aus über 180 Städten in 19 Ländern wissen wir, dass sich Ausschreibungen als eine gute und effiziente Lösung bewiesen haben. Wir haben gesehen, wie andere europäische Städte die Herasforderungen und Probleme dadurch bewältigt haben. Wenn Städte anfangen, praktische Stellflächen für E-Scooter sicherzustellen, können wir unsere Kunden auch dazu anhalten, genau diese zu nutzen. Doch nur mit einer ausreichenden Anzahl an Abstellflächen für E-Scooter, Fahrräder und Lastenräder sowie gut ausgebauten Radwegen können Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmenden vermieden werden.

E-Scooter sind ein wichtiges Element für die – auch politisch gewollte – Verkehrswende. Anstelle von stärkeren Regulierungen und der Begrenzung der Anzahl der Fahrzeuge sollte der Fokus der Verantwortlichen in ganz Deutschland daher darauf liegen, E-Scooter und andere Formen der Die Mikroität integritöund besseren bezund astrukeren zu

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