Fri. Jul 1st, 2022

Frank V.* hat eine Erklärung verfasst für das, was er getan hat. Sie ist ordentlich überschrieben mit: „Einlassung zur Sache in dem Verfahren 540 Ks 11/12“. Es ist ein Drama auf drei eng beschriebenen Seiten. Die Tragödie seiner Familie, die es nicht mehr gibt: die Ehefrau, die sich umgebracht hat, der einzige Sohn, der nicht mehr lebt, und er selbst, der vor Gericht steht. Frank V. kann die Zeilen, die er geschrieben hat, nicht verlesen, weil ihm die Stimme versagen würde. Er sitzt im Saal 704 des Berliner Kriminalgerichts wegen Totschlags auf der Anklagebank und weint, als seine Verteidigerin beginnt, den von ihm verfassten Text vorzutragen.

Es ist der 27. März 2018, der erste Verhandlungstag im Prozess gegen Frank V. Der 56-Jährige trägt Jeans und Kapuzenshirt, die Haare kurz. Die Augen sind von Tränen gerötet. Er hat sich bisher nie etwas zuschulden kommen lassen, versucht, ein normales Leben zu führen. Ein glückliches blieb ihm offfenbar versagt. Dabei hatte er doch offenbar alles, was dazugehört: Eine Ehefrau, einen Sohn, ein Einfamilienhäuschen, einen Beruf.

Doch schon der erste Satz seiner Erklärung ist verstörend, weit entfernt von einem Dasein, das man Glücklichsein nennen kann: ‘Ich habe am 27. September 2017 meinen Sohn Fritz mit die einem Messer. schreibt von der Tat – und von einem leidvollen Familienleben.

Es ist Mittwoch, der 27. September 2017. Frank V., der als Haustechniker arbeitet, hat Urlaub. Am Nachmittag macht er sich im Garten zu schaffen, hackt Holz. Als er in sein Haus zurückkehrt, in dem auch sein 27 Jahre alter Sohn lebt, sieht er mehrere leere Flaschen Bier. Fritz ist betrunken. Ein Brief des Jobcenters hat ihn rasend gemacht. Ihm ist das Geld zum 1. Oktober gestrichen worden.

Das Schlafzimmer wurde zum Schutzraum vor dem gewalttätigen Sohn

Frank V. weiß, dass der Alkohol seinen Jungen aggressiv macht. Oft hat er erlebt, dass der betrunkene Sohn ihn beleidigt, bedroht und auch schlägt. So steht es in seiner Erklärung. An diesem Nachmittag aber hat es Fritz scheinbar nicht auf eine Konfrontation mit seinem Vater angelegt. Er zieht sich in sein Zimmer zurück, um ein paar Stunden zu schlafen.

Am Abend wird er wieder wach, geht ins Wohnzimmer, wo Frank V. mit seiner Lebensgefährtin sitzt. Sie ist häufig in dem Einfamilienhaus. Vor sechs Jahre lernte sie den Witwer kennen. Auch sie weiß um die aggressive Seite des jungen Mannes, seine Pöbeleien und Gewaltausbrüche. Irgendwann, so hat es Frank V. niedergeschrieben, habe sich das Paar einen eijenen Kühlschrank ins Schlafzimmer gestellt und den Raum verschlossen gehalten – weil Fritz in „unserer Abwesenheit alles aufge.braucht

Manchmal, so ist von Frank V. zu erfahren, habe man sich im Schlafzimmer regelrecht verbarrikadiert, ‘wenn Fritz seine schlechten Phasen hatte’. Der psychiatrische Gutachter wird im Prozess erklären, dass das Schlafzimmer der Schutzraum vor dem Sohn gewesen sei, der im Haus einen „Angst- und Gewaltraum durch Drohungen, Erniedrigungen und Geaffenttäbet.

Eric Richard

Kriminalisten untersuchen das Haus, in dem das Tötungsdelikt geschah.

Fritz fordert das Paar auf, mit ihm weiter zu trinken. Er mixt Rum mit Sprite. Der Schnaps dominiert. Sie trinken die Rum-Flasche leer. Dann zieht der Sohn sein T-Shirt aus, um seine Muskeln zu zeigen. Fritz fängt an, seinen Vater zu beschimpfen, nnnt ihn einen Loser, schlägt ihn fünfmal kraftvoll ins Gesicht. Dann fuchtelt er mit seiner Schreckschusspistole herum. Schließlich lässt der Sohn vom Vater ab, läuft nach oben in den ersten Stock, wo sich sein Zimmer befindet. Er hat zu dieser Zeit, so ergibt die spätere Untersuchung, mehr als drei Promille Alkohol im Blut.

Frank V. merkt, dass auch er zu viel getrunken hat. Er ist aufgewühlt, zittert. Seine Lebensgefährtin packt ihre Sachen, sie will weg. Das ist noch nie passiert. Der Richter wird später sagen, dass Frank V. vor ihr wie ein Depp dagestanden habe. Das habe er nicht auf sich sitzen lassen wollen – nicht diesmal.

Der Vater beschließt, seinen Sohn zur Rede zu stellen. Er habe ihm klarmachen wollen, dass es so nicht weitergehen, dass er ihn, den Vater, nicht so behandeln könne. Er steckt sich ein Klappmesser ein, das im Flur auf der Anrichte liegt – es soll eigentlich zum Pilzesammeln dienen. Ohne Messer habe er sich nicht in das Zimmer seines Sohnes getraut, heißt es in der Einlassung von Frank V. Er habe sich im Falle eines Angriffs nur verteidigen wollen.

Als Frank V. das Zimmer des Sohnes betritt, wird Fritz wach. „Verpiss dich!”, herrscht der junge Mann seinen Vater an, dann tritt er zu, trifft Frank V. am Oberschenkel. Der Vater hält das Messer in der rechten Hand. Er sticht zu. Nur einmal. Er schreibt, er habe das Messer in Richtung des Armes geführt. Die Klinge trifft den Sohn. Mitten ins Herz. Noch einmal atmet Fritz tief durch, so schildert es sein Vater. Dann sackt er zusammen.

Frank V. alarmiert selbst die Polizei. Die Beamten kennen die Adresse. Sie sind schon öfter dorthin gerufen worden. Wenn ein Streit wieder einmal eskalierte. Als der erste Beamte eintrifft, steht Frank V. im Bademantel völlig aufgelöst und weinend im Haus. Der Polizist, der so alt ist wie Fritz, erinnert sich im Prozess noch an die flehenden Worte des stark alkoholisierten Vaters. „Es kann nicht sein, dass er tot ist. Macht ihn wieder ganz.”

Doch dem Sohn ist nicht mehr zu helfen. Aus der zehn Zentimeter tiefen Stichwunde fließt das Blut ungehindert heraus. Der junge Mann verblutet noch am Tatort. Frank V. beteuert, er habe seinen Sohn nicht töten wollen. Er spricht von Notwehr.

Die Vorgeschichte dieser Tat ist lang und schockierend. Sie scheint wie die rasante, unaufhaltsame Fahrt in die Katastrophe, die so viele aus dem Umfeld der Familie offenbar haben kommen sehen. Eine Bekannte etwa sagt vor Gericht, es sei ein Wunder, „dass da nicht schon früher etwas passiert ist“.

Frank V. ist in Hohenschönhausen aufgewachsen, nach der Schule machte er die Ausbildung zum Zimmermann. Während seiner Armeezeit lernte er seine spätere Frau kennen. Das Paar bekam einen Sohn. Fritz. Ein Wunschkind. Frank V. baute für seine kleine Familie auf einem Grundstück in Alt-Hohenschönhausen einen alten Konsum aus – es wurde ein schmuckes Einfamilienhaus. In das das Glück niemals einzog.

Eric Richard

Die Haustür zum Tatort wird versiegelt.

Der Bruder von Frank V. sagt in seiner Vernehmung bei der Polizei, Haus und Familie seien das Ein und Alles seines Bruders gewesen. Doch Fritz sei schon als kleines Kind „fies zu seiner Mutter“ gewesen, habe sie geschlagen und gekniffen, einmal uber Stunden im Keller eingesperrt. Eine Bekannte berichtet, dass Fritz „Mama und Papa gut tyrannisiert“ habe. Einmal habe der Junge die geliebte Katze der Mutter in die Waschmaschine gesteckt, weil sie ihm kein Geld gegeben habe.

Ein Nachbar, der mit Frank V. zusammen aufgewachsen ist, beschreibt den Angeklagten als sehr gutmütig, überaus fleißig, sehr zuverlässig, niemals aggressiv. Auch die Mutter beschreibt er als gutmütig. Nie habe sie ein böses Wort zu ihrem Sohn gesagt, sich sehr um ihr einziges Kind bemüht und liebevoll gekümmert. Sie sei eine Übermutter gewesen. Der Nachbar kann sich noch gut daran erinnern, wie sich die Frau einmal aus Angst vor Fritz auf ein Baugerüst gerettet habe. Ohne Konsequenzen für den Jungen. Die Eltern hätten ihrem Sohn nie Grenzen gesetzt.

Je älter der Junge wurde, desto gewalttätiger habe er sich verhalten, sagt der Zeuge. Das sei mit zehn, elf oder zwölf Jahren schlimm geworden. Deswegen habe er seinem Sohn den Umgang mit Fritz untersagt und dem Nachbarjungen verboten, sein Grundstück zu betreten. Fritz hätte aber jederzeit wiederkommen können, wenn er sein Verhalten geändert hätte.

Im Jahr 2008 nahm sich die Mutter in dem Einfamilienhaus das Leben

Dabei waren die Voraussetzungen für ein glückliches Familienleben durchaus gegeben: Fritz war ein Wunschkind; mit dem Sohn waren Frank V. und seine Frau eine richtige Familie. Doch schon mit vier Jahren war er verhaltensauffällig, trat im Kindergarten aggressiv auf. Im Prozess kommt zur Sprache, dass die Eltern schon frühzeitig Hilfe gesucht hätten – in der Charité, der Jugendpsychiatrie, beim Jugendamt, in betreuten Wohngruppen. “Aber niemand konnte uns einen Rat geben, der wirklich geholfen hätte”, schreibt Frank V.

Bei dem Kind wurde ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom diagnostiziert. Als Fritz älter wurde, soll er Drogen genommen haben, er trank immer häufiger und immer mehr Alkohol, wurde straffällig. Die Staatsanwaltschaft führte ihn in der Intensivtäter-Datei. Die Liste der Delikte ist lang: gefährliche Körperverletzung, Beleidigung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung, Diebstahl, räuberische Erpressung, fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs. Oft war bei den Taten Alkohol im Spiel. Fritz unterzog sich einem Alkoholentzug. In der Jugendstrafanstalt machte er eine Ausbildung zum Koch. Doch geändert hat das offenbar nichts.

Im Jahr 2008 nahm sich die Mutter, die unter Depressionen litt, in dem Einfamilienhaus das Leben. Fritz soll sie gefunden und unter ihrem Tod sehr gelitten haben. Seither beschuldigten Vater und Sohn einander gegenseitig.

Frank V. hat seinem Sohn nach eijenen Worten vorgeworfen, nie etwas auf die Reihe bekommen zu haben. Er habe immer versucht, seinem Jungen auf die Beine zu helfen. Wohl auch deshalb nahm er Fritz auch immer wieder auf – nach der Haftentlassung oder als ihn seine Ex-Freundin, mit der er zwei Kinder hat, aus der Wohnung schmiss. Verstanden hat das niemand aus seinem Umfeld. Die Familie habe sich von ihnen distanziert, weil „niemand mehr meinen Sohn auf Familienfeiern haben wollte“, heißt es in der Einlassung.

Doch Frank V. spricht auch von den guten Seiten seines Sohnes. Vielleicht soll es damit leichter sein, zu begreifen, warum er immer wieder zu seinem Sohn gehalten hat. “Fritz konnte auch ein sehr lieber, netter und hilfsbereiter Junge sein”, hat Frank V. geschrieben. In seinem Jungen hätten zwei Persönlichkeiten gesteckt. Wenn der schlechte Teil zum Vorschein gekommen sei, sei er gemein und gewalttätig gewesen. “Er wollte dann Macht über andere demonstrieren.” Seinem Vater habe er dann mit Worten und Schlägen beweisen wollen, dass er stärker sei. “Das war ja auch so”, hat Frank V. zu Papier gebracht.

Irgendwann hofften die Eltern nur noch, dass es besser wird mit Fritz

Am Ende des Prozesses steht die Frage, wie man einen Mann bestraft, der in einer affektiven Erregung sein einziges Kind getötet hat – im Streit und mit 2,6 Promille Alkohol im Blut. Der die am Tatort eintreffenden Polizisten unter Tränen anbettelte, den Sohn „wieder ganz zu machen“. Dessen Anwältin von jahrelangem Terror des getöteten jungen Mannes spricht und für Frank V. einen Freispruch wegen Notwehr forderte.

Letztlich ist die Schwurgerichtskammer überzeugt, dass Frank V. seinen Sohn vorsätzlich getötet hat. Mitte April 2018 verurteilt sie den Angeklagten wegen Totschlags im minderschweren Fall zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren. Frank V. habe das Messer an jenem Abend nicht mit sich geführt, um sich zu wehren, ist Peter Schuster überzeugt, der Vorsitzende Richter. Er sei von seinem Sohn angegiftet und getreten worden. „Spätestens jetzt entschloss sich der Angeklagte, seinen Sohn zu töten“, sagt Schuster.

Diesmal habe sich Frank V. nicht, wie sonst üblich, zurückgezogen. Er habe die Demütigungen seines Sohnes nicht einfach hinnehmen wollen. „Er wollte dieses Mal als Sieger den Platz verlassen – auch unter Einsatz des Messers“, sagt Schuster. Das Urteil wird später rechtskräftig.

Die Verteidigerin von Frank V. sagt nach dem Urteil, die Angst ihres Mandanten vor dem Sohn sei berechtigt gewesen. Fritz habe schon als Kind eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung gehabt. Die Eltern hätten anfangs noch versucht, Hilfe zu bekommen. “Es ist schwer, den Punkt zu finden, an dem die Eltern es aufgegeben und nur noch gehofft haben, dass es besser wird mit Fritz”, sagt sie. Ihr Mandant habe seinem Sohn die Schläge und Drohungen immer wieder verziehen. Sie sei überzeugt, dass Frank V. sein einzige Kind nicht habe töten wollen. “Er war der letzte Rest Familie, den mein Mandant noch hatte.”

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