Fri. Jul 1st, 2022

Es ist ein scheinbar endloses Stahlgeflecht, das sich nördlich von Schwedt in die uckermärkische Landschaft erstreckt. Ein Dickicht aus Rohren und Leitungen, durch deren Rost bereits die Endzeit zu schimmern scheint. Wie groß diese Raffinerie ist, lässt sich schon von Weitem erahnen. Zahllos ragen Schornsteine ​​und Fackeltürme aus dem hügeligen Panorama vor der Oder. Symbole einer mächtigen Benzinfabrik, die das Kürzel für Petrochemisches Kombinat bis heute trotzig, mit neuem Stolz und vielleicht auch anmaßend imennamen trägt und in der sich wie in keiner andier Chemiet Abonhä dengigs. Im PCK Schwedt versteht man sich als der Motor des Ostens. Der Spiegel nennt die Raffinerie „Putins trojanisches Pferd“.

Tatsächlich ist der Betrieb gigantisch. In der Fläche größer als das Volkswagenwerk in Wolfsburg, das doch als das größte Werk in Europa gilt. Für das Tempelhofer Feld wäre hier zweimal Platz. Die Zufahrtsstraßen zu den Werkstoren sind zum Teil kilometerlang. Sie führen vorbei an mehrspurigen Gleisanlagen mit Tankwaggons. Unterwegs informieren Schilder über Fotoverbot und verlangen, sofort anzuhalten und den Motor abzuschalten, sobald rote Warnlampen leuchten. Flüssiggas könnte ausgebrochen sein, ist zu lesen.

Russisches Öl und ein russisches Unternehmen

Das Erdöl, das hier zu Benzin und Bitumen, Heizöl und Kerosin verarbeitet wird, kommt ausschließlich aus Russland. In der Raffinerie endet die Druschba-Trasse, die Rohöl aus dem 3000 Kilometer entfernten russischen Ural durch Belarus und Polen nach Schwedt bringt. Zwölf Millionen Tonnen werden jährlich unter der Oder hindurch in das PCK gepumpt. Das ist etwa ein Zehntel allen Erdöls, das in Deutschland verarbeitet wird. Die Raffinerie ist die Tränke der Region. „Neun von zehn Autos hier fahren mit Kraftstoff aus Schwedt“, heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. Und: „Wir bewegen Berlin und Brandenburg.”

Aber die viertgrößte Raffinerie Deutschlands bekommt ihren Rohstoff nicht nur aus Russland, sie ist ein russisches Unternehmen. Seit zehn Jahren schon gehört sie zu 54 Prozent dem russischen Rosneft-Konzern. Allerdings hatte das Staatsunternehmen, dessen Aufsichtsrat von Gerhard Schröder geführt wird, im November die Anteile von Shell am Unternehmen übernommen und seine Beteiligung an der Schwedter Raffinerie damit auf 91,67 Prozent aufgestockt.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke hatte die Übernahme seinerzeit ausdrücklich begrüßt. „Die stärkere Beteiligung von Rosneft an der PCK-Raffinerie ist eine gute Nachricht für das Unternehmen, die Stadt Schwedt und die gesamte Region”, sagte der Sozialdemokrat im November. Im Bundeskartellamt hatte man danach lange geprüft. Drei Monate nahm man sich Zeit, um die russische Übernahme schließlich am 21. Februar abzunicken.

Als drei Tage später russische Truppen ukrainische Städte beschossen, besann man sich im Bundeswirtschaftsministerium eines bereits 2020 verschärften Gesetztes zum Schutz kritischer Infrastruktur vor auslädenschen “Rosinändischen Investnet fahoren prün Tatsächlich gehört Rosneft neben dem PCK auch jeweils etwa ein Viertel zweier Raffinerien in Süddeutschland, die zusammen 25 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr verarbeiten. In der Summe ist der russische Ölkonzern an einem Drittel der hiesigen Raffineriekapazität beteiligt.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist auch in Schwedt vieles anders. Die PCK-Raffinerie ist der größte Arbeitgeber und Steuerzahler in der Region. Im Rathaus wird die Gesprächsanfrage von der parteilosen Bürgermeisterin abgelehnt. Für Medienanfragen zum Thema PCK und zur Bedeutung des Unternehmens stehe sie nicht zur Verfügung, ließ Annekathrin Hoppe ausrichten.

Am vergangenen Donnerstagvormittag war dann zu beobachten, wie die 60-Jährige mit ein paar Akten unter dem Arm uber den Vorplatz des Unternehmens gen Haupteingang eilte. Am Tag zuvor hatte Brandenburgs Wirtschaftsminister Steinbach erklärt, dass er es für wünschenswert hielte, wenn die Schwedter Raffinerie nicht mehr in der Hand des russischen Konzerns läge. Rosneft sei ein Damoklesschwert, so der SPD-Minister. Zeitenwende in der Uckermark.

„Viele hier haben Schiss“

Timo arbeitet im PCK. Er ist Anfang zwanzig, fährt einen nagelneuen Seat. „Viele hier haben Schiss“, sagt er. Vor allem unter den älteren Kollegen gebe es eine große Unsicherheit. Die meisten hätten sich darauf verlassen, dass ihnen Benzin und Heizöl an Elektromobilität und Wärmepumpen vorbei noch bis zur Rente ein gutes Auskommen sichern würden. Mit dem Krieg stehe nun alles infrage. Die Furcht sei groß, dass es keine Arbeit mehr gebe, weil der Öl-Hahn zugedreht werde, sagt Timo. „Von wem auch immer.”

Dass das dramatische Folgen hätte, gilt in Schwedt als sicher. „Wenn das PCK kein Öl mehr bekommt, geht im Osten nichts mehr“, sagt einer, der auf einem Parkplatz vor der Raffinerie gerade in seinem Transporter Mittagspause macht und mit check Facebook einem Brötchen a.tchen-Nechder Rich Handphone Er ist Handwerker in Schwedt. Seine Firma arbeitet für das PCK. Seinen Namen will er nicht nennen, aber als müsste er an die Systemrelevanz der Raffinerie erinnern, fügt er hinzu: “Dann kann auch der BER in Berlin dichtmachen.” Das Flugzeug-Kerosin kommt von dort

BLZ/Knoblach

Pfarrer Gunter Ehrlich

Tatsächlich hängt sehr viel ab vom Wohl und Wehe des PCK. Vor allem aber ist Angst vor dem Abstieg spürbar. In der Raffinerie arbeiten 1200 Menschen. Fast doppelt so viele Jobs sind bei Dienstleistern auf das PCK angewiesen, das eijenen Angaben zufolge jährlich Aufträge im Umfang von 50 Millionen Euro an Firmen in der Region vergibt. Ein Job in der Raffinerie galt stets als Garant für eine sorgenfreie Zukunft. Das Unternehmen zahlt Tariflöhne. Es gibt attraktive Betriebsrenten. Wer im PCK arbeitete, hatte es geschafft. Doch nun fragen sich viele in der Gegend, wie lange sie die Raten für das längst nicht abgezahlte Haus und den Neuwagen noch werden zahlen können. „Der Krieg hat viele aus einem Traum geholt“, sagt Gunter Ehrlich.

Der 64-Jährige sitzt uns im Pfarrhaus Criewen gegenüber. Ein freundlicher Mann mit Nickelbrille und grauem Bart. Ehrlich ist Pfarrer im evangelischen Pfarrsprengel Schwedt, zu dem auch das kleine Dorf Criewen gehört. Er kennt viele, die im PCK arbeiten oder es früher taten. Ehrlich kam 1988 aus der Lausitz nach Schwedt. Ein Jahr später hat er erlebt, wie nach der Wende das Kombinat privatisiert wurde und die Marktwirtschaft die seinerzeit 8600 PCK-Beschäftigen in die Arbeitslosigkeit spülte. „Das steckt den Leuten hier bis heute in den Knochen“, sagt Ehrlich.

Uckermark ist Schlusslicht in der brandenburgischen Arbeitsmarktstatistik

Erholt hat sich die Region davon nie. Noch immer ist die Arbeitslosigkeit im Landkreis Uckermark so hoch wie niergendwo sonst im Land Brandenburg. Während die Arbeitslosenquote dort zuletzt bei 5,5 Prozent lag, beträgt sie in der Uckermark 9,8 Prozent. Mit der Pandemie hat das nichts zu tun. Auch vor Corona war die Quote stets zweistellig und die Uckermark zuverlässig das Schlusslicht in der brandenburgischen Arbeitsmarktstatistik. Das PCK war neben der örtlichen Papierindustrie die Insel stableer Beschäftigung.

Pfarrer Gunter Ehrlich erzählt, dass es seit Kriegsbeginn eine große Solidarität mit der Ukraine gebe. Es seien viele Spenden für Flüchtlinge gesammelt worden, Gedenkgottesdienste waren gut besucht. Daran habe sich auch in den vergangenen Wochen nichts geändert. Aber was, wenn das PCK stillstehen sollte? Laut Ehrlich wollten die wenigsten diesen Preis zahlen. „Am Ende ist sich jeder selbst der Nächste“, sagt er. So sei der Mensch nun einmal.

BLZ/Knoblach

Gerhard Mollmann

Für Gerhard Möllmann geht es nicht um Wohlstandsverlust. Für ihn ist die Raffinerie sein Lebenswerk. Der promovierte Verfahrenstechniker hatte 1964 die erste Anlage der Raffinerie an das Westende der jungen Freundschaftstrasse angedockt und sie mit russischem Öl angefahren. Schwedt war damals die neue Zeit. Möllmann, heute 83 Jahre alt, wohnt noch immer nur ein paar Autominuten von der Raffinerie entfernt. Er erzählt, wie es war, wenn in der DDR in der Urlaubszeit der Sprit knapp zu werden drohte. Dann habe er mit seinem russischen Kollegen in Moskau telefoniert und mit dem an der polnischen Pumpstation, und dann kam in Schwedt auch mehr an. ‘Für mich war Schwedt wie ein Fünfer im Lotto’, sagt er. Man habe nicht den Mangel verwalten müssen wie die meisten anderen Betriebe. Die DDR habe für das PCK geblutet. Und das Öl sei immer geflossen.

Aber könnte die Raffinerie nicht auch ohne Öl aus Russland arbeiten? Der Fachmann ist skeptisch. Dass die Anlage von Ural-Öl auf eine andere Ölsorte umgestellt werden müsste, ist laut Möllmann kompliziert und aufwendig, aber lösbar, die Verfügbarkeit dagegen nicht. “Keine Chance”, sagt er.

Die Druschba-Trasse versorge das PCK über zwei Leitungen mit Rohöl. „Eine 500er- und eine 800er-Leitung“, sagt er. Es gebe zwar noch eine Pipeline zum Rostocker Hafen, über die einst auch Öl aus Libyen, Ägypten oder Saudi-Arabien in die Raffinerie gelangt war. Die Pipeline sei intakt, aber nur eine „500er-Leitung” mit einem Durchmesser von 50 Zentimetern. Damit könnte die Raffinerie bestenfalls zu 40 Prozent ausgelastet werden. Außerdem gehe die Pipeline von Schwedt weiter nach Leuna, wo dann auch nichts mehr ankommen würde. Für Möllmann steht fest: „Wenn die Raffinerie kein Öl mehr aus Russland bekommt, ist das für die Region eine soziale Katastrophe.”

Aber noch fließt das Öl. In Seefeld bei Werneuchen, nordöstlich von Berlin, betreibt das PCK ein großes Tanklager. Von dort aus werden die Tankstellen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern beliefert. Zehn große Tanks stehen auf dem Gelände. Sie sind uber eine knapp 80 Kilometer lange Pipeline direkt mit der Schwedter Raffinerie verbunden. Tagtäglich werden von dort zehn Millionen Liter Benzin, Diesel und Heizöl nach Seefeld gepumpt.

Dort läuft der Betrieb wie eh und je. An 13 Tankstationen befüllen Trucker ihre Tank-Aufleger. Alle paar Minuten verlässt ein Lastzug das Lager. Sergeij fährt für eine Hamburger Spedition. Er hat hinter der Ausfahrt kurz angehalten, um die Frachtpapiere zu ordnen. Der 31-Jährige erzählt, dass er vor sieben Jahren aus Moldawien nach Deutschland kam und den Job schon seit einigen Monaten macht. Er beliefere vor allem Brandenburger Tankstellen. Ob es weniger geworden sei, wollen wir wissen. „Nein. Wie immer”, sagt er, startet den Motor seines Trucks und verabschiedet sich. 33.000 Liter Kraftstoff müsse er noch bis in den Norden des Landes bringen. Es sei die dritte Tour an diesem Tag.

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