Wed. May 18th, 2022

BerlinRummel, Gras und Messerstechereien: Die Berliner Zeitung wollte hin, wo’s wehtut und erlebte Überraschendes – die Neuköllner Hasenheide ist ein funkelnder Mikrokosmos der Diversität und hat für jeden und zu jede. Wir haben unsere Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Volkspark im Herzen der Stadt zusammengetragen.

Wir sind mit dem Fahrrad unterwegs, Hasenheide, Neukölln, der erste heiße Tag des Jahres. Michaela Hecht will die Stelle zeigen, wo vor ein paar Monaten noch eine bestimmte Buche stand. Als wir anhalten, zückt sie ihr Smartphone und sagt: „So etwas hatten wir noch nie gesehen – und die auch nicht.” Die, das sind die Kollegen vom Pflanzenschutzamt Berlin, die sich genausoten wen ärenig e konchernil uf. Pilz plötzlich einen gesunden Baum befiel.

Michaela Hecht ist zuständig für die Pflege und den Unterhalt der Grünflächen in Nordneukölln. Die 50 Hektar große Hasenheide ist ihre wichtigste Außendienststelle. Hier kennt sie jeden Busch und Baum beim Namen, mit machen scheint sie per Du zu sein. Wenn Parknutzer silbrige Schleier sichten und Eichenprozessionsspinner (gefährlich) melden, weiß sie, dass hier nur Gespinnsmotten (harmlos) am Werk waren.

“Hier”, sagt Hecht und zeigt ein Bild von der Buche, die es nun nicht mehr gibt. “Hier sieht man die Zellstruktur: alles tot.” Erst platzte die Rinde auf, ein weißes Pulver bildete sich, wurde schwarz, zuletzt trug der Baum rote Pusteln wie ein Mensch mit Windpocken. “Und dann war es vorbei.” Der Todeskampf dauerte nur wenige Wochen. Eine Buche ist massiv, selbst im gefällten Zustand noch schwer. Doch als Hecht und ihre Kollegen sie wegtragen wollten, war sie leicht und zersplitterte in den Händen.

Bäume haben es eigentlich nicht so eilig mit dem Leben. Sie haben viel mehr Zeit als wir, Jahrtausende manchmal, um alt zu werden. Und ganz am Ende sterben sie auch noch langsam. Ihr Todeskampf, er ist für die meisten von uns nicht mal sichtbar. Vielleicht merken erst die klimaängstlichen Enkelkinder, was den klimasündigen Großeltern verborgen geblieben war. Dass die Baumkrone sich noch weiter zurückgezogen hat etwa, mit jedem Frühjahr lichter geworden ist, in den Sommermonaten immer weniger Schatten spendet.

Doch selbst dann bleibt immer noch Zeit für lebensverlängernde Maßnahmen. Oben beschneiden, unten den Boden lockern oder düngen, schädliche Pflanzen entfernen, die Wurzeln stimulieren – das Internet ist voll mit guten Ratschlägen. Viele Jahre können so dazukommen, wenn es gut läuft. Doch wenn es schlecht läuft, und das tut es zurzeit nicht nur in der Berliner Hasenheide, dann sterben Bäume schnell, sehr schnell. Binnen Monaten. Manchmal dauert es nur ein paar Wochen, bis jemand die Motorsäge an den Stamm legen muss. Unser Freund, der Baum, ist dann nur noch Totholz.

Die Hasenheide leidet unter einem menschengemachten „Nutzungsdruck“

Die Arbeit von Michaela Hecht beginnt vorher, aber manchmal kommt auch sie zu spät. Zwischen 2018 und 2020 wurde jeder zehnte Baum in der Hasenheide vorzeitig gefällt. Steigende Temperaturen, ausbleibende Niederschläge, Starkwetterereignisse, ständiger Stress. Im vergangenen Winter haben Stürme noch einmal mehrere Dutzend Bäume umgerissen. Der Klimawandel ist nicht etwas, das woanders und weit weg passiert. Er ist eine reale Gefahr mitten in Berlin. Und dann tauchte plötzlich auch noch dieser fiese Pilz auf.

Die Hasenheide ist die grüne Lunge eines der dichtest bewohnten Quartiere Deutschlands, zurzeit geht es ihr nicht gut. Nur gut ein Drittel der Bäume sind gesund, die Hälfte gilt als geschädigt, fünf Prozent fällt unter die Kategorie absterbend. Der Klimawandel ist das eine, das andere ist der von Menschen erzeugte „Nutzungsdruck“, wie Hecht es nennt. Ein Park wird ja nicht besucht, er wird genutzt. Er ist ein Gebrauchsraum, ein Ort des Miteinanders, der sozialen Interaktion. In der Pandemie wurde das deutlicher als sonst. Wir fahren an einen Ort, wo man besonders gut sehen kann, was „Nutzungsdruck“ bedeutet: zu viele Menschen, zu wenig Raum.

Bastian Thiery

Immer wieder einen Besuch wert: der Streichelzoo in der Hasenheide.

Die Rixdorfer Höhe ist ein 68 Meter hoher Weltkriegstrümmerhaufen. Anfang der 50er-Jahre wuchs hier nichts über Kniehöhe, die Menschen kamen in Scharen, um den Ausblick zu genießen. Zuletzt kamen sie, um zu feiern. „Hier oben war schon immer Party“, sagt Hecht und führt einen Trampelpfad entlang, „es war aber anders. Die Leute haben hinterher aufgeräumt, und es waren nicht Tausende.” Wir bleiben vor einer entwurzelten Kiefer stehen. „Jetzt kann man fragen: War es der Klimawandel? War es die Fehlnutzung hier?” Die Antwort gibt sie selbst: “Wahrscheinlich beides.”

Fehlnutzung ist, wenn die Clubs und Bars pandemiebedingt geschlossen haben und die Partys zwischen Bäumen und Büschen stattfinden. An einem Partywochenende in der Hasenheide sind schon mal 15 Tonnen Müll zusammengekommen. Die Beseitigung verschlingt ohnehin ein Drittel des Parkbudgets. Danach bleibt kaum noch Geld übrig. Zu wenig jedenfalls für die Mitarbeiter des Grünflächenamts, die wenig ausrichten können gegen das Verschwinden der Gräser, Farne, Bodendecker. Der Unterwuchs, einfach plattgetanzt. Der Boden, wasserundurchlässig versiegelt.

Hasenheide vor dem Klimawandel schützen: ‘Ohne die Akzeptanz der Nutzer wird es nicht gehen’

Für eine Birke, die ihr Wurzelgeflecht knapp unter der Oberflache ausbreitet, ist das fatal. Doch selbst so ein Tiefwurzler wie die Kiefer kann weniger Halt bekommen, wenn der Boden erodiert, der Wind zu stark bläst. Dann fällt auch sie um. Und jetzt liegt sie also am Boden, 70 Jahre alt, 300 Jahre hätten es sein können. Mit jedem Baum, der stirbt, wird es schwieriger, die Hasenheide vor dem Klimawandel zu schützen. Michaela Hecht sagt: ‘Ohne die Akzeptanz der Nutzer wird es nicht gehen.’

Jochen Biedermann hat zwei etwa gleich große Stapel auf seinem Schreibtisch liegen. Auf der einen Seite türmen sich die Beschwerden an den grünen Umweltstadtrat, denn viele Neuköllner können es nicht verstehen, warum der Bezirk in diesem Jahr noch einmal die Maientage auf der Tälchenwiese hat erlaubt. Anderseits beschweren sich die Jahrmarktfans, dass Biedermann den Konzessionsvertrag mit dem Veranstalter Thilo-Harry Wollenschläger nicht verlängert hat und damit das Ende der Neuköllner Maientage beschlossen hat.

Während wir die Fahrräder durch die Hasenheide schieben, erzählt Biedermann, dass er keine andere Wahl hatte. Er musste den Rummel beenden, weil er sonst niemals die knapp fünf Millionen Euro Fördermittel vom Bund bekommen hätte, die der Bezirk bis 2024 in die Zukunft der Grünanlagen investieren will. “Klimaresiliente Hasenheide” heißt das Projekt, und im Kern geht es darum, die Vegetation fit zu machen für die klimatischen Veränderungen. Schon bald könnten Bäume gepflanzt werden, die besser mit Hitze und Trockenheit, Spätfrost und Starkregen umgehen können. Biedermann sagt: „Wenn wir wollen, dass wir in 30 Jahren Schatten haben, müssen wir heute die Bäume pflanzen.”

Parks wie die Hasenheide sind Sehnsuchtsorte für gestresste Berliner

Am 24. Mai werden die vorläufigen Ergebnisse präsentiert, bei einem öffentlichen Termin in der Hasenschenke. Dann werden die besorgten Neuköllner erfahren, was sich der Bezirk unter einer Neueinteilung von Aufenthaltsflächen vorstellt, wo die Stadtnatur Rückzugsräume erhalten wird, was aus der Onlineumzeron Projekiwords nut der wollen ist? Wo ist es schön schattig? Wo ist es heis? Wenn es regnet, wo gibt es große Pfützenbildung? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wieder zwei gleich große Stapel auf Biedermanns Schreibtisch landen werden. Die einen werden sich vielleicht freuen, dass man Grünflächen sich selbst überlasst. Andere werden von Unkraut sprechen und eine Verbotskultur wittern, wo der Naturschutz den Vorrang erhält. Wenn alle etwas davon haben sollen, cann man es nicht jedem recht machen.

Parks wie die Hasenheide sind Sehnsuchtsorte für gestresste Berliner, sie schmeicheln der geschundenen Großstadtseele. Wer in der Nähe von Grünflächen wohnt, lebt gesünder, fühlt sich besser, Studien haben das bewiesen. In Parks verbringt man Zeit gerne Zeit mit der Familie, trifft Freunde und Fremde. Eine Wiese ist ein sehr demokratischer Ort, den jeder betreten darf und frei nutzen kann. Eine Luftaufnahme von der Hasenheide muss man sich wie ein Wimmelbild von Ali Mitgutsch vorstellen. Menschen, die joggen, knutschen, dealen, auf Decken liegen, an Klimmstangen ziehen, Selfies mit Hunden schießen, Minigolfschläger schwingen, Kinderwagen schieben, einfach nur Löcher in die frische Luft gucken. Und nicht merken, wie sich die nächste Baumkrone wieder zurückzieht.

Haben Sie Feedback für den Autor? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de

By admin

Leave a Reply

Your email address will not be published.