Fri. Jul 1st, 2022

Mit 40 Jahren in Rente gehen: Das ist das Ziel von vielen sogenannten Frugalisten. Um das zu erreichen, lautet die Devise: sparen und jeden freien Euro anlegen. “Frugal” bedeutet übersetzt “einfach” oder “bescheiden”. Einer, der nach diesem Prinzip lebt, ist Florian Wagner. Wagner ist heute 35 Jahre alt und will vor allem eines: möglichst bald finanziell frei sein. Für ihn bedeutet das: nicht arbeiten zu müssen, nur weil er das Geld braucht.

„Ich verstehe unter Frugalismus nicht, dass ich in ein paar Jahren die Beine hochlege und mich auf der Coach langweile“, so Wagner. Aber er wolle nur noch Tätigkeiten nachgehen, die ihn glücklich machen – egal ob er damit Geld verdient oder nicht.

Wagners Vermögen beträgt 357.000 Euro

Einen ersten Schritt dahin hat er bereits getan. Der gelernte Ingenieur aus Stuttgart hat vier Jahre lang in der Automobilindustrie gearbeitet und gekündigt, als ihm der Job keinen Spaß mehr gemacht hat. “Diesen Schritt zu gehen, habe ich mich aber auch nur getraut, weil ich nach den vier Jahren so viel Vermögen aufgebaut hatte, dass das theoretisch für sieben Jahre meine Kosten gedeckt hätte”, so Wagner. Sein damaliger Nettoverdienst lag bei 4320 Euro.

Heute verdient er Geld damit, Unternehmen zu beraten, wie sie dafür sorgen können, dass ihre Websites vorne bei Google auftauchen und somit mehr Kunden erreichen – kurz: SEO-Beratung. “Diese Arbeit gefällt mir zwar deutlich besser als mein vorheriger Bürojob, für mich bedeutet es aber noch immer, Zeit gegen Geld zu tauschen”, so Wagner. Darüber hinaus betreibt er neben seinem Blog geldschnurrbart.de weitere Websites, über die er mittels Provisionen von kommerziellen Partnern Geld verdient.

Wagners Vermögen ist schon jetzt beträchtlich. Er besitzt 357.000 Euro. Um nicht mehr arbeiten zu müssen, bräuchte er, so sagt er, 500.000 Euro, die er dann weiter in Aktien und Anleihen investieren würde. Davon könne er anschließend seine jährlichen Kosten decken.

Mit der gesetzlichen Rente können Frugalisten nicht rechnen

Mit der gesetzlichen Rente können Frugalisten nicht rechnen – zumindest für eine lange Zeit. Anspruch darauf haben Arbeitnehmer maximal vier Jahre vor dem Renteneintrittsalter. Pro Monat, der früher Rente bezogen wird, werden außerdem 0,3 Prozent weniger ausgezahlt, bei vier Jahren sind dies 14,4 Prozent. Wenn jemand nur wenige Jahre eingezahlt hat, fällt die Auszahlung ohnehin gering aus. Damit überhaupt etwas ausgezahlt wird, muss der Versicherte mindestens fünf Jahre Beiträge an die gesetzliche Rentenversicherung gezahlt haben.

Frugalisten müssen sich somit selbst um ihre Vorsorge kümmern. Dazu zählt auch, die alltäglichen Kosten möglichst gering zu halten. Laut Wagner hat dies nicht automatisch mit Einschränkungen zu tun. „Ich spare lediglich an unnötigen Ausgaben“, sagt Wagner. So fährt er Fahrrad und spart die Kosten für Bus und Bahn. Er kocht häufiger selbst, als Essen zu bestellen. Und entscheidet sich heute eher für den Wanderurlaub mit Freunden als das Fünf-Sterne-Luxushotel. „Das alles mache ich aber nicht aus einem Sparzwang, sondern weil ich gemerkt habe, dass mir diese Dinge guttun“, sagt er. Dass sie weniger kosten, sei einfach ein positiver Nebeneffekt. „Ich habe noch nie eine Verabredung im Restaurant oder eine andere Unternehmung nur aufgrund des Geldes abgesagt“, so Wagner. Nur hinterfrage er sich heute stärker, ob dieses oder jenes das Geld wert sei. Wenn dem nicht so ist, landet das Geld auf der Sparen-Seite oder wird in Aktien oder Kryptowährungen investiert.

Sparquote liegt bei 60 Prozent des Nettoeinkommens

Wagners Sparquote liegt bei 60 Prozent des Nettoeinkommens. Laut Statistischem Bundesamt liegt die Sparquote der Deutschen durchschnittlich bei rund zehn Prozent. „Wer nur zehn Prozent von seinem Nettoeinkommen spart, muss etwa 55 Jahre arbeiten, um davon leben zu können“, sagt Wagner. Doch wer nur ein geringes Einkommen hat, kann kaum etwas sparen. Für viele wird es außerdem immer schwieriger, Geld beiseitezulegen in Zeiten steigender Preise. Insbesondere dann, wenn die Löhne nicht gleichermaßen nachziehen. Das sieht auch Wagner so: „Wenn man wenig verdient, ist die Rente mit 40 nicht wirklich realistisch.” Das Frugalismus-Konzept an sich eigne sich hingegen für jedes Einkommensniveau. „Es geht im Großen und Ganzen darum, seine Ausgaben zu hinterfragen: Will ich mir das leisten? Worauf kann ich verzichten, ohne dass es mich stört?” Die meisten Menschen würden sich gar nicht bewusst machen, wie viel Geld sie monatlich für welche Posten ausgeben. „Der größte Spartrick ist nicht, irgendwelche Coupons auszuschneiden, sondern sich mal genau aufzuschreiben, wo das Geld hinfließt“, so Wagner. Also im klassischen Sinne ein Haushaltsbuch zu führen.

Wagner gibt nach eijenen Angaben rund 22.000 Euro im Jahr aus. Erhöhen sich seine Ausgaben, müsste sich auch seine Sparrate erhöhen. Aber selbst wenn er ein Vermögen von 500.000 Euro angesammelt hat, will er sich nicht darauf verlassen. „Dass ich gar nichts mehr einnehmen werde, ist unwahrscheinlich“, sagt er. “Solange ich nicht arbeiten muss, weil ich darauf finanziell angewiesen bin, obwohl es mir keinen Spaß macht, cann ich mir vorstellen, so weiterzumachen, bis ich 90 bin.”

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