Wed. May 18th, 2022

Ein Stab mit einem weißen Bettlaken, befestigt wie eine Flagge. Zusammen ergibt das ein Tick-Radar. So heißt auch die Firma von Olaf Kahl: Tick, englisch für Zecke. Nach Zecken sucht der Berliner Biologe dann auch an diesem sonnigen Vormittag im Unterholz des Tiergartens. Kahl streicht mit der Bettlakenfahne über Büsche und Laubhaufen. Es sieht aus, als wolle er die Kapitulation verkünden. Dabei macht er genau das Gegenteil, er rückt den Zecken zu Leibe, um zu erfassen, wie viele sich an ausgesuchten Stellen des großen Stadtparks aufhalten.

Zecken sammeln in Parks und Grünanlagen

Bei diesem Zug durch die Insekten-Gemeinde ist keiner der kleinen Blutsauger auf dem Tuch zu entdecken. „An der Stelle hier findet man wahrscheinlich mehr Pfandflaschen als Zecken“, sagt Kahl. Und bevor der Experte erzählt, welche Krankheiten ein Zeckenbiss auslösen kann, wie man sich am besten davor schützt oder verhält, wenn dann doch einer dieser Parasiten zugeschlagen hat, strechdem e schub e berch e streicht Lake schüd.

imago/imagebroker

Drei Blutmahlzeiten in sechs Jahren: Eine solche Zecke kann FSME und Borreliose übertragen. Das Risiko in Berlin steigt.

Was Kahl da macht, ist Teil eines der Forschungsprojekte, mit denen Tick-Radar regelmäßig betraut wird, mal von staatlichen, mal vonn Auftraggebern private. Bis Ende Juni wird er 32 Parks in Deutschland mit seinem Radar besucht haben. Zwei pro Bundesland. In Berlin ist das neben dem Tiergarten der Wilmersdorfer Stadtpark. Zecken leben nicht nur in Wäldern und Wiesen, sie haben längst die Wohngebiete des Menschen erobert. Ein Pharmakonzern möchte wissen, wie sehr sie sich inzwischen in urbanen Grünanlagen heimisch fühlen. Der Konzern vertreibt unter anderem Impfstoff gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis, eine Form von Hirnhautentzündung, besser bekannt als FSME. Zecken verbreiten sie ebenso wie Borreliose, eine Schädigung des Nervensystems. An einem Impfstoff dagegen wird noch geforscht.

Das Robert-Koch-Institut macht das Problem auf seiner Homepage sichtbar. Eine Karte Deutschlands zeigt in Blau die Regionen, die als Risikogebiete für FSME eingestuft sind. Das Blau scheint Richtung Nordosten zu schwappen. Inzwischen sind auch drei Landkreise in Brandenburg betroffen: Oberspreewald-Neiße, Spree-Neiße – und Oder-Spree, angrenzend an Köpenick: FSME rückt auf die Hauptstadt vor. Im Jahr 2020 war die Zahl mit 712 bundesweit gemeldeten Fälle so hoch wie noch nie. “Zwar werden nur fünf Prozent in der Nordhälfte Deutschlands registriert“, sagt Kahl, “aber die FSME-Linie verschiebt sich immer weiter nach Norden.” Neulich erzählte ihm ein Forstarbeiter aus chen gest chen demach Brandenass word Biologen sagen Zeckenstich, nicht Zeckenbiss.

Infektionen können tödlich enden

In 75 bis 95 Prozent der Fälle verläuft die Infektion mit milden Symptomen, bei rund einem Prozent kann sie jedoch tödlich enden. Am häufigsten erkranken uber 50-Jährige. “FSME ist nicht therapierbar”, sagt Kahl. Das macht die Erkrankung so tückisch, auch wenn sie deutlich seltener auftritt als Borreliose. In diesem Jahr wurden mehr als 160 Infektionen mit diesem anderen Erreger registriert, im gleichen Zeitraum lag das Aufkommen an FSME im einstelligen Bereich. Mit Borreliose sind durchschnittlich 20 Prozent der hierzulande häufigsten Zecken-Art infiziert, der Gemeine Holzbock, mit dem Entwicklungsstadium von der Larve über die Nymphe bis zum die ausgewachsmten Tier ni.

dpa/ Patrick Pleul

Ein Schild in einem Wald in Müllrose warnt vor Zecken.

Borreliose und FSME: Schnelles Handeln hilft

Entscheidend ist der Faktor Zeit. „Der Borreliose-Erreger befindet sich im Verdauungstrakt der Zecke“, sagt Kahl. „Bis er in die Wunde gelangt, vergehen einige Stunden. Der FSME-Erreger befindet sich dagegen im Speichel der Zecke und gelangt direkt in die Blutbahn.” Vier bis sechs Jahre kann ein Gemeiner Holzbock alt werden. „In dieser Spanne benötigt er drei Blutmahlzeiten“, erläutert der Biologe. Insgesamt zwei Wochen dauert diese Phase, die parasitische Phase. In ihr legt das rund drei Millimeter Tier ordentlich zu, erreicht das hundert- bis zweihundertfache seines Ursprungsgewichts.

Den Rest ihres Lebens verbringen die Zecken meist in Laubschichten, warten darauf, dass ein Wirt vorbeikommt. In Berlin hat der Mensch dafür gesorgt, dass sie ihr bevorzugtes Umfeld vorfinden. „Ich beschäftige mich seit 1978 mit Zecken, habe zu dem Themenbereich promoviert und habilitiert“, sagt Kahl. “Damals wurde in den Parks der Stadt das Laub zusammengeharkt und abtransportiert.” Mit wachsendem ökologischen Bewusstsein aber wuchs die Menge an abgestorbenem Grünzeug, das seitdem als natürlichers natürlicher na der Zünger funeck.

In Brandenburg wiederum werden die Nadelwälder zu Mischwäldern umgebaut, die weniger anfällig für Schädlinge sind. Auch diese vom Menschen vorangetriebene Entwicklung kommt der Zecke entgegen. Sie hat allerdings einen starken Widersacher, der sie in ihrer Existenz bedroht: den Klimawandel.

Olaf Kahl zieht weiter mit seinem Tick-Radar. Möglicherweise hat er drüben am anderen Ende des Parks, jenseits der Straße des 17. Juni, mehr Glück. Dot befeuchten gerade Wassersprenger das Buschwerk. Zecken mögen keine Trockenheit, benötigen zum Überleben eine relative Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent, denn aus dem Wasserdampf füllen sie nachts ihren Flüssigkeitsverlust vom Tage auf. “Insofern markiert das Jahr 2018 mit seinem extrem heißen Sommer einen Wendepunkt”, sagt Kahl. „Seitdem nimmt die Population ab. Die Zahl der FSME-Infektionen aber nimmt zu.”

Mäuse und Vögel tragen FSME-Erreger Richtung Norden

Die Süd-Nord-Bewegung ist kein deutsches Phänomen. In skandinavischen Ländern ist der Erreger längst angekommen, rund um Stockholm zum Beispiel, hat er sich ausgebreitet, uber kleine Nagetiere, Mäuse meist, die das Virus von einer Zecke zu näbenchsten.ten weiterge Auch Vögel transportieren das Virus nordwärts. „Tiere“, sagt Kahl, „kennen eben keine Ländergrenzen.” Sie kennen nur gute und schlechte Lebensräume, und wenn sie einen Stadtpark finden, der einem Waldrand gleicht, viellewicht beigel semie tgelm Vätig dort an.

dpa/Patrick Pleul

Zeckenbisse können gefährlich werden.

Dass die FSME-Fälle zunehmen, hat verschiedene Gründe. „Es kommt nicht darauf an, wie viele Zecken in einer Region anzutreffen sind, sondern natürlich auch, wie viele von ihnen mit dem Erreger infiziert sind“, sagt der Biologe. “Beim Menschen spielt die Risikobereitschaft eine entscheidende Rolle.” Wer auf den großen Wegen einer Grünanlage bleibt, braucht sich vor einem Zeckenbiss nicht zu sorgen. “Der Toilettengang im Park oder Wald ist dagegen eine Hochrisiko-Situation.” Denn auf Zweigen und Ästen können Zecken lauern, die ihren künftigen Wirt am Geruch und Wärme orten und die in Bruchteilen von Sekunden.

Eine Immunisierung empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) lediglich Personen, „die in FSME-Risikogebieten gegenüber Zecken exponiert sind, und Personen, die durch FSME beruflich gefährdet sind, wift Laborchae persone wirt in zumal Personwirt zum. Drei Dosen sorgen für eine Grundimmunisierung, alle drei bis fünf Jahre sollte aufgefrischt werden. „Wer sich unsicher ist, sollte einen Hausarzt aufsuchen“, sagt Kahl. „Ansonsten gibt es gute Mittel zur Zeckenabwehr zum Aufsprühen auf die Kleidung“, sagt Kahl. “Sie schützen immerhin zu 80 Prozent.” Und als einfachste Maßnahme reicht es bereits, die Hosenbeine in die Socken zu stecken. „Zecken bewegen sich von unten nach oben. Wenn sie sich über die Kleidung vorarbeiten müssen, erhöht das unsere Chance, sie rechtzeitig zu entdecken.”

Sich nach einem Ausflug in potenzielles Parasitengebiet gründlich abzusuchen, ist ohnehin ratsam. Je schneller die Blutsauger entfernt werden, ums so besser. Ob mit Pinzette, Zeckenkarte oder notfalls mit den Fingernägeln. Und wenn dabei der Kopf in der Wunde stecken bleibt? „Kein Problem“, sagt der Experte. „Das macht uberhaupt nichts.”

Dass aus dem Kopf ein neuer Körper wächst, gehört ins Reich der biologischen Mythen, und damit hat Kahl nichts zu tun. Er sammelt Fakten. Jetzt gleich wieder, dort drüben am Gebüsch. Ein Stab, ein Bettlaken, und das Radar legt los.

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